Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
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diesen Texten wird das Ausmaß der Zi- vilisationskatastrophe, weil im Detail zur Kenntnis genommen, nicht ver- leugnet. Nur in diesen Texten wird wirklich deutlich, dass die Rede vom Zivilisationsbruch' keine wohlffeile Rede ist. Wir sprechen nicht von ir- gendeiner der historischen Katastro- phen. An keinem anderen Ort und zu keiner anderen Zeit hat man ein der- art unerwartetes und derart komple- Xes Phänomen beobachtet: niemals sind so viele Menschenleben in so kur- zer Zeit mit einer derart luziden Kom- bination von technischer Erfindungs- gabe, Fanatismus und Grausamkeit ausgelöscht worden', schreibt Primo LEe
Die Metapher„Holocaust“
Die Tatsache, dass die Memoiren Uberlebender des Holocaust zu einer Literaturgattung geworden sind, trug die Universität Gießen Rechnung als sie vor Jahresfrist am Fachbereich Germanistik die Arbeitsstelle„Holo- caust-Literatur“ einrichtete. Sascha Feuchert, Mitarbeiter dieser Arbeits- stelle, hat nun im Reclam-Verlag erst- mals einen Band„Holocaust-Litera- tur: Auschwitz“ herausgegeben, in dem er eine Auswahl von Erinne- rungstexten von überlebenden Opfern (Sowie auch von zwei Tätern) versam- melt.
In dem oben erwähnten Essay hat Jan Philipp Reemtsma nebenbei auch auf Raul Hilberg hingewiesen, der be- richtete, dass die„Holocaust Studies“ in den USA während des Vietnam- krieges populãr wurden, als man nach
Traditionen moralisch gerechtfertig- ter Kriege suchte. In der Folge dieser Stimmung entstand die TVSerie Ho- locaust. Als diese 1970 auch in Deutschland ausgestrahlt wurde, soll- te sie sich als Auslõser erweisen, dass auch hierzulande der Begriff„Holo- caust“ zur Metapher wurde, für den Massenmord, den die Deutschen während des Dritten Reiches an den von staatswegen nach rassistischen Kriterien zu„Untermenschen“ dekla- rierten Völkern und Bevölkerungs- gruppen exekutierten.
Die kontroverse Diskussion über den Bedeutungsgehalt dieser Meta- pher hat Sascha Feuchert in der Fin- leitung zu seinem Sammelband in- struktiv und spannend erlãutert. Dies macht das Buch, das in der renom- mierten Reclam-Reihe„Arbeitstexte für den Unterricht“ erschienen ist, auch für Leserinnen und Leser be- deutsam, die nicht im schulischen oder außerschulischen Bildungsbereich tãtig sind.
Die erste deutsche Kritik, die ge- gen die„Gedankenlosikgkeit“ der USFernsehproduzenten aufkam, weil „Holocaust“ in seiner ursprünglichen Wortbedeutung„Brandopfer“ als ei- ne Sinngebung des Massenmords ver- standen wurde, übersah, dass„Holo- caust“ als Begriff in den USA längst gebräuchlich war. Die Rekonstrukti- on, wie sich die Metapher im engli- schen Sprachgebrauch für die„End- lõsung“, also den Mord an den Juden, einbürgte, ist lohnend und,weit mehr als eine bloße philologische Fingerü- bung“, wie Feuchert schreibt und im folgenden überzeugend darstellt. Zur


