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(2000) 1/2000. August 2000
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12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Holocaust-Literatur: Auschwitz Im Reclam-Verlag erschien erstmals ein Sammelband mit Texten von

Uberlebenden des nazistischen Massenmordes

Die Memoiren von Uberlebenden des Holocaust sind zu einer Literatur- gattung des 20. Jahrhunderts gewor- den. Es sind autobiografische Auf- zeichnungen, in denen die Ver- fasserinnen und Verfasser von der ex- tremen Gewalt berichten, der sie un- terworfen waren. Sie sind auch dort, wo dies nicht thematisiert wird, den- noch insgesamt Ausdruck einer Lei- dens- Schmerz- und Uberwältigungs- erfahrung und- das ist nun das Be- sondere- sie werden darum gelesen, mehr noch: es wird ihnen aus diesem Gyrunde eine Deutungsautorität zuge- sprochen, s0 Jan Philipp Reemtsma in einem Vortrag!. Der Hamburger Sozialwissenschaftler und Publizist geht darin unter anderem der Frage nach, warum sich dies so entwickelt hat. Zuvor fand- von wenigen Aus- nahmen abgesehen-Leid nur dann literarische Salonfähigkeit, wenn es über den Umweg durch einen Autor beschrieben wurde, der nicht mit der leidenden Hauptfigur identisch wart Wir lesen Shakespeares King Lear und nicht Lears Tagebücher(..), wir lesen die Vroerinnen des Euripides und nicht die Memoiren der Hekabe.

Wenn heute der Massenmord an den europãischen Juden alsZivilisa- tionsbruch bewertet wird und nicht

nur alseine Katastrophe mehr im so katastrophenreichen FEuropa, so ist zu beachten, dass dies nicht von An- fang an so gesehen wurde, weder von jüdischer noch von nichtjüdisicher Seite. Es war zwar etwas Außeror- dentliches, aberes war eben etwas, was neben vielen anderen Untaten und vielem anderen Unglück in die- sem Krieg geschehen war, zitiert Re- emtsma hier Ruth Klüger. Und er ver- weist auch darauf, dass die Allierten nicht wegen Auschwitz Krieg gegen Nazi-Deutschland geführt haben. Dass wir heute den Holocaust als einenZivilisationsbruch? schen,ist nicht die Voraussetzung für unsere Lektüre der Autobiographien der Uberlebenden, sondern mit deren Er- gebnis. Reemtsma kommt zur Schlußfogerung:Trostbüchlein sind es nicht, keine Dokumente des Welt- vertrauens, aber als Dokumente des Uberlebens und der Schilderung des Entsetzens und des Entsetzlichen bleiben sie paradoxe Zeugnisse des Fortlebens einer Zivilisation, die in den Lagern zerstört wurde auch dort, wo sie, wie im Fall Roman Fristers, die- ses zu dementieren scheinen. Die Fra- ge nach dem Woher der moralischen Autorität dieser Memoiren Uberle- bender läßt sich beantworten: Nur in

Jan Philipp Reemtsma: Die Memoiren Uberlebender. Vortrag an der Universität Ham- burg am 8. Juli 1997 im Rahmen der Ringvorlesung Geschichte der neueren deutschen Literatur: Gegenwartsliteratur 1966 1996 Hier paraphrasiert und zitiert nach einem Abdruck in: Jan Philipp ReemtsmaMord am Strand-Allianzen von Zivilisation und Barbarei Siedler Taschenbuch, März 2000 8. 227233.