30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Mit ehemaligen Häftlingsfrauen in Birkenau.
Ich fühle, daß wir, die wir Auschwitz nicht vergessen wollen, und die, die Auschwitz nicht vergessen können, zu- samengehören. Wir brauchen uns ge- genseitig.
Als wir aufbrechen, trifft sich in dem Saal eine andere Gruppe: ich sehe ältere Frauen und Männer. Ich höre, das sind die Kinder von Auschwitz. Es darf nicht wahr sein. Es ist aber wahr.
Die ehemaligen Häftlingsunterkünf- te im Stammlager werden für beein- druckende Ausstellungen über Aspekte des KZ Auschwit? genutzt. An den Wänden der Mittelgänge hängen nun von der S8 zur Registrierung gemachte Häftlingsfotos, vergrößert und ge- rahmt, versehen mit Häftlingsnummer, dem Namen, Geburtsdatum(teilweise), Aufnahmedatum und Todesdatum. Bei denen, die— trot? der vorhergehenden Torturen- noch einen kräftigen, ge- sunden Eindruck auf dem Foto mach- ten, lagen zwischen Aufnahme und To— desdatum manchmal ein oder zwei Jah- re, meist aber circa drei Monate. Altere und die, denen schon die Spuren des Terrors anzusehen waren, hatten nach der Aufnahme in der Regel nur noch Tage oder Wochen zu leben. Männer, Frauen und Kinder, die nicht sofort vernichtet wurden, mußten dem S8— Fotografen(neben Profilaufnahmen) frontal in die Kamera schauen. Das heißt, sie schauen dem Betrachter in
die Augen. Die, die damals noch jung waren, könnten heu- te mit ihren Enkeln spielen.
In Birkenau: Die Gedenktafel für die sowjetischen Solda- ten ist von Unbe- kannten Tage vor unserem Besuch fast völlig demoliert worden. Staszek in- formierte das Muse- um, damit sie wie- der instand gesetzt wird.
Nicht nur Staszek, Janina, Hanka, Karin Graf und Mitarbeiter der Ju- gendbegegnungstätte waren für das Gelingen der Reise verantwortlich. Un- sere Gruppe war für mich sehr wichtig: Menschen, die Auschwitz nicht ver- drängen, die sich darauf einließen. Dies ermöglichte jedem/r, bei Respekt vor der eigenen individuellen Betroffen- heit eine gemeinsame Auseinanderset- zung und Verantwortung zu erleben. Nicht wenige von uns hatten Eltern/Großeltern mit Nazivergan- genheit. Einig waren wir uns über die Ablehnung der NSVerbrechen und die Wichtigkeit, das in Zukunft zu verhin- dern. Uber Ursachen und Konsequen- zen gab es verschiedene Vorstellungen.
Das hätte ich Stas?zek gerne noch ge- fragt: Was bedeutet es, daß du über Auschwitz(in deiner trotz sprachlicher Eigenheiten beklemmend treffsicheren Art) deutsch mit uns sprichst, die Spra- che, die du um den Preis des Uberle- bens lernen mußtest? Wie soll ich es meinen Kindern erzählen, wo ich war und warum und was dort geschah? Ich denke an Stas?zek:„Auschwitz war wie ein großer Misthaufen, da wächst auch kleine Blume.“ Ich werde von der klei- nen Blume erzählen: von Staszeck, zum Beispiel als ihm ein Mithäftling ein Stück Brot in seine Zelle im Block 11 wirft und von seiner Zitrone aus Kana- da.


