Heft 
(1999) 1/1999. August 1999
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29

haupt fällt mir ihre Freundlichkeit uns gegenüber auf, die wir ja immerhin die Sprache ihrer Peiniger sprechen. Uber ihre Häfltingszeit haben die beiden Frauen mit ihren Familien nie oder kaum gesprochen, ein vermutlich still- schweigendes Einverständnis ange- sichts der eintätowierten Häftlings- nummer auf dem Unterarm.

Uber all wurde deutlich, daß die S8 vor nichts Respekt hatte, in Erfüllung der nationalsozialistischen Ideologie und der Ansprüche der(Kriegs-Mn- dustrie, die die üblesten Seiten der Menschen an die Macht brachte: nicht vor Lebenden(die als Sklavenarbeiter, medizinische Versuchspersonen be- nutzt oder vernichtet wurden) und nicht vor Toten(u. a. die Grabsteine des jüdischen Friedhofes von Oswiecim wurden abgerissen). Die Aufzeichnun- gen von Rudolf Höss, dem Lagerkom- mandanten, dazu lesend: sicherlich herausragend aus dem sonstigen Ver- drängungsbemühen der Täter: er durchschaut durch seinen Intellekt und seine Analysefähigkeiten in vielerlei Hinsicht SS-Personal wie Häftlingsver- halten. Die Fähigkeit mitzufühlen, ha- be ich in seinen nachträglichen Auf- zeichnungen nirgends wahrgenommen. Während z. B. ein SS-Arzt, Professor Kremer, seine Herrenmenschenqualitä- ten im Tagebuch so dokumentiert: Er erwähnt seine Teilnahme an einer Sonderaktion, dann freut er sich überlebendfrisches Material von Le- ber, Milz und Pankreas(Bauchspei- cheldrüse, d. Verf.) und das SSMenü Hasenbraten-eine ganz dicke Keule Gergl.Auschwitz in den Augen der SS*, Oswiecim 1997, erhältlich bei der Lagergemeinschaft).

Nicht neu(u. a. L Millu: Der Rauch über Birkenau) jedoch deutlicher an diesem Ort: Der Uberlebenskampf der Häftlinge fand auch untereinander statt, benutzt von der S8, zum Beispiel durch Einsatz vonGrünen? als Kapos. Staszek erzählt von dem deutschen Ka- po seines Tischlerei-Arbeitskomman- dos, der war in Ordnung.

Nach der Befreiung konfrontierte ein Reporter einen Häftling mit dem Satz, er kenne je jetzt die Hölle. Der Häftling korrigierte, er kenne das KZ, die Hölle kenne er nicht.-Die Dämoni- sierung verschleiert Täter und Ursa- chen. Die alte Erkenntnis, wer vom Fa- schismus spricht, vom Kapitalismus nicht schweigen soll, wird zur Zeit bei dem ThemaEntschädigung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterin- nen' deutlich.

Wir besichtigen die ehemalige Kies- grube im Stammlager, jetzt Schauplatz von vielen Kreuzen, permanent be- schallt durch einen Sender der polni- schen katholischen Kirche.- Bei der Führung durch den Ort Oswiecim- ren wir von zwei polnischen Pfarrern, die von der S8 verhaftet wurden, weil sie Lebensmittel an polnische Kinder verteilt hatten.

Wir besuchten Krakau, die wunder- schöne alte Stadt mit dem beeindruk- kenden Marktplatz, dem ehemaligen jüdischen Stadtteil, deren Bewohner von den Nazis vertrieben, ghettoisiert und vernichtet wurden. Die nach dem Krieg zurückgekehrten Juden wichen später vor polnischem Antisemitismus. Im Krakauer Club der ehemaligen Auschwitz-Häftlinge wurden wir herz- lich empfangen. Als Jugendliche sind diese Frauen und Männer interniert wurden, viele bei Razzien verhaftet, wegen ihrer potentiellen Gefahr für das III. Reich. In einem Alter, in dem Jugendliche heute die Schulbank drük- ken oder sich um eine Ausbildungsstel- le bemühen, wurden diese täglich mit Terror und Tod konfrontiert. Alle be- richteten kurz von ihrer Zeit in Ausch- witz. Einer arbeitete als Friseur beim Lagerkommandanten Höß, rasierte ihn. Hättest du mit dem Rasiermesser Hals abschneiden sollen, kommentiert ein Leidensgenosse. Wir lachen.

Einige Frauen halten sich zurück, ihre Prlebnisse zu berichten. Karin Graf besteht sensibel darauf, daß ihre Erlebnisse nicht minder bedeutsam und von Interesse sind.