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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
Studienreise nach Polen(Auschwitz und Krakau) im April 1999
Und jetzt noch nach Auschwitz
Aufzeichnungen von Urich Juncker
Ich erinnere mich, mein Vater las un- serer Familie aus seiner Zeitung vor: „Greuel an gefangenen deutschen Sol- daten nach dem 2. Weltkreig: Tsche- chen ritten auf gefangenen deutschen Soldaten über ein mit Scherben ge- spicktes Stadionfeld unter sadistischem Gejohle der tschechisen Zuschauer.“ Das war circa 1964, ich war elf Jahre, und es war eine der Geschichten über Deutschland und den 2. Weltkrieg. Für mich war sie Anstoß, mehr wissen zu wollen.
Daß und wie unsere Gesellschaft ih- re eigene NS-Geschichte verdrängte und verklärte, das bekam ich nun zu spüren. In den folgenden Jahrzehnten habe ich nach und nach durch Lektüre, Diskussionen mit Tätern, Mitläufern und auch Widerstandskämpfern, Be- sichtigungen, politisches Engagement u. a. viel erfahren.
Und jetzt noch nach Auschwitz. Warum? Familie, Freunde und Bekann- te stutzten, als ich von meinem Vorha- ben erzählte.
Ich will mich mitten in den Ort des Grauens begeben. Will mich, meine Er- kenntnisse und Einstellungen dem aus- setzen. Und auch meine Verbundenheit dem Verdrängen entgegensetzen. Die Zeit drängt, Zeitzeugen, mich interes- sieren in erster Linie ehemalige Häft- linge, gibt es bald nicht mehr.
Ich suchte einen Reiseveranstalter, der Erfahrung und Kompetenz ver- Sprach. Und fand die von der Lagerge- meinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer angebotene Studien- reise, mit Karin Graf als Leiterin und dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Stas?zek Hant?z als ständigen Begleiter. Diese Authentizität und die Möglich- keit des persönlichen Kontaktes waren für mich ausschlaggebend.
Ich war froh, daß wir mit dem Zug Statt mit einem Bus nach Auschwitz fuhren. Beim Blick aus dem Zugfenster zwischen Katowice und Oswiecim: die alten Häuser und die Landschaft haben die Häftlinge vor knapp 60 Jahren auch gesehen(falls sie durch die Waggon-Luken sehen konnten). Fin Hakenkreuz ist an eine Mauer gepin- selt. Dies ist eine der Bahnstrecken, deren Bombardierung die Menschen- transporte nach Auschwitz hätte emp- findlich stören können.
Von Sonntag bis Freitag wohnten wir in der Internationalen Begegnungstätte in Oswiecim/Auschwitz. Fast eine gan- ze Woche, was mir vor der Fahrt eher lang vorkam, stellte sich angesichts der vielen Eindrücke als unbedingt sinnvoll dar. Das lag aber auch an der kenntnis- reichen und sensiblen Leitung durch Karin Graf und besonders an unserem ständigen Begleiter Staszek, der als Ju- gendlicher mehrere Jahre Häftlinge war. Durch ihn waren wir in der Lage, Auschwitz-Birkenau nicht nur als Mu- seum zu erleben. Durch seine Person und in seinen Geschichten wurden Wiesen wieder zu Schlammfeldern, auf Barackenfundamenten konnten wir ihn und seine Mithäftlinge Dachreparatu- ren ausführen sehen, um dabei insge- heim zu erspähen, was keiner wissen durfte.
Ein Glücksfall war auch die Einla— dung zweier weiblicher Häftlinge, Han- ka und Janina. Der gemeinsame Besuch im Frauenlager von Birkenau war so nicht nur der Besuch von Terrorstätten, wohl nicht nur ich fühlte mich verbun- den mit den beiden:(Enkel-) Kinder der Tätergeneration und die Opfer. Hanka bot uns, nachdem wir ihren Block ver- lassen hatten, saure Bonbons an. Uber-


