Heft 
(1999) 1/1999. August 1999
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 27

gration unter der Voraussetzung der jedenfalls õpfentlichen Bejahung der demokratischen Kepublik und des Ver- zichts auf neonationalsozialistische Berdrig ung(Herbert, S. 107).

Herbert untersucht nun die faktische Soziale und wirtschaftliche Reintegra- tion ehemaliger NS-Fliten und liefert komprimiert einige interessante Befun- de: In öffentlicher Verwaltung, Justiz und Ministerialbürokratie war die Reintegration- sieht man von Spitzen- positionen ab- unproblematisch. Auch die Reintegration ehemaliger mittlerer Gestapo- und SS-Leute in hohe Ränge der bundesdeutschen Polizeien scheint im nachhinein betrachtet- kaum Schwierigkeiten verursacht zu haben. Erleichternd hierbei, stellt Herbert fest, war die Tatsache, daß z. B. den Spitzen von Sicherheitspolizei und SD auch deshalb die Reintegration so reibungs- los gelang, weil bis weit in die sechziger Jahre wenig über die Führungsstruktur des RSHA und die Tätigkeit seines Führungspersonals bekannt war. Hier sicht Herbert einen womöglich ent- scheidenden Faktor für die fehlge- schlagene Aufarbeitung der national- Sozialistischen Vergangenheit:Diese Vergangenheit wurde gleichsam ihres Personals und ihrer Opfer beraubt, S0 mußte man Sich weder mit Konkreten Orten und wirklichen Menschen- we der den Tätern noch den Opfern- he- fassen.(Herbert, S. 110).

Herbert zicht ein zwiespältiges Facit: Zu einem großen Teil sind die Angehö- rigen der NS-Fliten und insbesondere die Schreibtischtäter' nicht nur unge- schoren davongekommen, sie haben noch dazu lange Jahre in gehobenen Positionen verbracht. Dies unterstellt, ist für Herbert die noch zu beantwor- tende Frage,wie sich die Bundesrepu- blik angesichts und trotz einer so im- mensen Belastung zu einer sich stabili- sierenden Demokratie entwickeln konnte(Herbert, S. 114).

Ich halte eine weitere Frage für we- sentlich: So stimmig die These Herberts scheinen mag, daß die Reintegration der NS-Pliten durch den(erkauften) Verzicht auf öffentliche neonational- SoZialistische Tätigkeit möglich wurde, so wenig überzeugend scheint mir die stillschweigende Vermutung, die öf fentliche Abstinenz habe auch eine ent- sprechende private Abstinenz nach sich gezogen. Hier reichen die Bemer- kungen über Opportunismus und Fin- stellungsänderungen genausowenig aus, wie der Hinweis auf heimliche BriefkontakteEhemaliger' miteinan- der über Postfachadressen, damit die Kinder nichts(erfahren)'(Herbert, S. 113). Selbst wenn diese Briefkontakte, die etwa der Absprache über Aussagen vor Gericht o. ã. dienten(Herbert, ebd.), heimlich' geführt worden sind, so könnte dies schlicht damit erklärbar sein, daß denKindern' gegenüber le- diglich die verbrecherische Vergangen- heit der Väter verheimlicht werden sollte. Damit ist allerdings nicht gesagt, daß diese Väter ihre völkischen und/oder rassistischen Grundeinstel- lungen im privaten Bereich ebenso ver- schwiegen wie in der Gffentlichkeit. Herbert selber hat in seiner Biographie von Werner Best keinen Zweifel daran gelassen, daß dieser seinen ideologi- schen Positionen treu geblieben ist. Für die Annahme, daß er diese im privaten Bereich nicht transportiert' hat, gibt es keinen begründeten Hinweis. Die Folgeschäden, die ein solcher heimlicher Lehrplan' anzurichten in der Lage war und ist, sind immens, be- denkt man, wieviele Deutsche ihn wo- möglich exekutiert und wieviele ihrer Nachkommen ihn internalisiert haben.

Loth, W. /Rusinek, B. A.(Hg): Ver- wandlungspolitik. NS-Eliten in der Westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, Frankfurt/ Main, New Vork 1998, ISBN 3-593-359944, 48 PM