Heft 
(1999) 1/1999. August 1999
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 25

VFRWANDLUNGSPOLTTIK NS-Fliten in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Rezension von Klaus Konrad-Tromsdorf

Der 1995 bekanntgewordeneFall Schwerte'-ein emeritierter Germani- stikprofessor der TH Aachen enttarnte sich qua Selbstanzeige als ehedem führender Mitarbeiter der SS-Unterorganisation, Ahnenerbe'- gibt Anlaß, sich einer Problematik aus der Frühzeit der Bundesrepublik erneut zuzu- wenden: der der in die IMlegalität abgetauchten Angehörigen der NS-Fliten, seinerzeit auch ironisch alsBraun-Schweiger' bezeichnet.

6 Die Herausgeber des bei GCampus er- schienenen Buches, Wilfried Loth und Bernd A. Rusinek- beide Historiker an nordrhein-westfälischen Hochschulen- versammeln hier die Beiträge einer öf- fentlichen Fachtagung zum Thema Fliten- und Wissenschaftsgeschichte der frühen Bundesrepublik', die im Mai 1997 in Düsseldorf stattfand. In fünf- zehn Aufsätzen versuchen verschiede- ne Wissenschaftler die jeweils unter- schiedlichen Problemfelder dieser The- matik zu umreißen. Nahezu zwangs- läufig ergeben sich aus den jeweiligen Perspektiven unterschiedliche Er- kenntnisebenen. Der Fall Schwerte' steht natürlich im Mittelpunkt einzel- ner Aufsätze, wobei Jochen Hörisch in einem lesenswerten Beitrag(Verhaf- ten Sie die üblichen Verdächtigen..*) versucht, den Blick auf sein Fachgebiet (Hörisch ist Germanist) zu richten. Ahnlich auch die Aufsätze von Karl- Siegbert Rehberg und Hans-Prich Volkmann, die sich mit ihren Fachge- bieten(Soziologie und Geschichte) be- schäftigen. Das Thema Gjalt R. Zon- dergelds, Dozent für Zeitgeschicht in Amsterdam, ist der Umgang mit Kolla- borateuren nach dem Ende der deut- schen Besetzung der Niederlande, wäh- rend Michael Ruck am Beispiel der Verwaltungseliten in Südwestdeutsch- land deren Kontinuität und Wandel nach 1945 diskutiert.

Von allgemeinerer Bedeutung jedoch sind die beiden Aufsätze von Urich

Herbert und Norbert Frei, die sich auf der Grundlage ihrer bisherigen For- schungsergebnisse den NSBliten in Westdeutschland zuwenden. Herbert (Historiker in Freiburg) hat sich 1996 in seiner großen Studie zu Werner Best (Herbert, U.: Best-Biographische Stu- dien über Radikalismus, Weltanschau- ung und Vernunft 1903-1989, Bonn 1996) ausführlich mit dessen Karriere in der Bundesrepublik beschäftigt. Norbert Frei(Historiker in Bochum) veröffentlichte ebenfalls 1996 seine Studie zur Vergangenheitspolitik' (ders.: Vergangenheitspolitik. Die An- fänge der Bundesrepublik und die NS- Vergangenheit, München 1996).

Kollektives Beschweigen

Frei legt in seinem knappen Beitrag (Vergangenheitspolitik in den fünfzi- ger Jahren'') dar, daß dieIntegration' ehemaliger NS-Parteigenossen in das politische und gesellschaftliche System der Bundesrepublik Ergebnis einer ak- tiv gestalteten Politik gewesen ist. Die- se Politik, von Frei mit den Begriffen Amnestie', Integration' und Ab- grenzung' umschrieben, leistete die Transformation der nationalsozialisti- schen Volksgemeinschaft in die Gesell- schaft der Bundesrepublik'(S. 79) um den Preis eines Kollektiven Beschwei- gens' der Nazi-Vergangenheit. Kurz skizziert Frei die verschiedenen Etap- pen der Bewältigung der früheren NS-