Heft 
(1999) 1/1999. August 1999
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer

ermöglichten auch die IG-Farben, wie so viele andere Unternehmen im Nazi- reich, die Verwirklichung des mörderi- schen SS-PrinzipsVernichtung durch Arbeit. Viele unserer Angehörigen mussten ihr Leben durch einen Hass verlieren, den Betriebsführung und Aktienhalter der IG-Faren sehr wohl mitgetragen oder aus Eigennutz zu- mindest geduldet haben. Wer von uns in dem Kommando vier Zementsäcke im Laufschritt zu schleppen hatte oder wie ich- Betoneisen, der erfuhr bald, dass in diesem Buna das angestrebte Kaputtmachen dem erforderlichen Aufbauen den Rang streitig machte.

Dass Gott und seine Welt diese Un- geheuerlichkeit schon bald nicht mehr übersehen konnten, aktivierte keines- wegs die biblische Verabredung zur Nächstenliebe; im Gegenteil: Gott und seine Welt schienen beide an unserer Rettung nicht sonderlich interessiert.

Wir alle hier- die uns eine Solidari- tät des Verfolgtseins und des Uberle- bens verbindet- mussten jedoch den allerletzten Weg nicht gehen. Wir mussten die letzte Phase nicht er- dulden, die der durchlittenen Würdelo- sigkeit mit einem elendigen Krepieren ein gewaltsames Ende setzte und uns in Gerettete und Verlorene? teilte.

Doch die Solidarität mit den Ermor- deten erlaubt es selbst heute, nach über einem halben Jahrhundert- nicht, dem Vorteil, zu den Geretteten zu gehören, jene Dankbarkeit einzuräu- men, die er vor der Historie zu bean- spruchen scheint. Denn es ist unglaub- lich schwieriger, als wohl so mancher meint, überlebt zu haben und sich zeit- lebens fragen zu müsssen: Warum denn ich, warum habe denn ausgerechnet ich weiterleben dürfen- und ich fra- ge mich immerzu: um welchen Preis!?

Auf der Rampe von Birkenau fiel eine erste Entscheidung, als die Hand- werker unter uns, die wir fast aus- nahmslos bereits im Vorfeld der uns

zugedachten Endlösung als Zwangsar- beiter eingesetzt waren, ausgesondert wurden. Diese Selektion entschied, ob wir den Umweg über das IG-Farben- t Lager in den Tod oder den direkten Weg in die Gaskammern zu gehen hat- ten. Dort hielt man das Zyklon B be- reit, um jüdisches Leben auszulöschen. Dieses Zyklon B wurde von derDe-

gesch', derDeutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung, herge- stellt, die mit der IG-Farben-Degussa

verstrickt war. t

Da der Bau der Bunawerke dring- lichst gelernte Handwerker brauchte, wurden wir zu einer Gruppe von Aus- erlesenen, die man vom frühen Ster- benmüssen zurückhielt; das allein war unsere Chance zu überleben und somit heute hier zu sein. Diejenigen von un- seren Familien jedoch, für die man kei- ne kriegswichtige Verwendung hatte und die ihr Leben lassen mussten, kön- nen nur noch in unserer Empfindungs- und Brinnerungswelt zugegen sein. Un- sere Trauer um sie ist in unser Leben eingewebt und wird selbst mit der alles distanzierenden Zeit nicht geringer. Im Gegenteil: Das Langzeitgedächtnis bringt uns die Trauer um unsere Verlu- ste je älter wir werden nah und näher. Aus Selbsterhaltungsgründen durften wir uns seinerzeit im Lager dieser Be- weinung nicht hingeben, und das vie dergewonnene Leben verlangte nach der Befreiung den starr nach vorne gerichteten Blick in eine hoffnungs- frohere Zukunft.

Wie Ihr Euch erinnern werdet, ord- nete IG-Farben in den letzten Monaten an, dass zur Aufmunterung der Häft- linge, um deren Arbeitsmoral zu stei- gern, am Block 10 eine Bühne angebaut wurde. Dort trat ich als Schauspieler auf. Das war ohne Frage eine Lebens- hilfe, die mich- mit Unterstützung des Lagerschreibers Gustl Herzog in pre- kärster Situation- vor einem elendigen Tod bewahrte.