Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29
linge.“ Vermischt er vielleicht Leid mit Fakten?'Schmerz versteht man eyrst, wenn man kennt die Fakten.“
Die neunundvierzig Menschen in Staszeks Waggon spekulieren über den Anlaß ihrer Festnahme und über das,'was wird Sein mit uns“. Fünfundfünfzig Jahre später beant- wortet Staszek die Frage eines ka- tholischen Geistlichen in Oswiecim nach seinem Glauben an Gott damit: n meinem Waggon haben welche gehetet, laut und viel, haben gesagt, auch hier wird Gont sein. Mur ich hin gehlieben, trotadem daß ich ha- he nicht gebetet. Was voll ich glau hen?“ Und war Gott in Auschwitz? Bitter sagt er ja, war der und hat der alles gesehen. Na, und was?“
Morgens, zwischen Tag und Nacht erreicht der Transport Auschwitz, 'wir Sehen den Namen, niemand kLennt ihn“. Dann Endstation: Ge- schrei, Hunde. Die Frankfurter Künstlerin E. R. Nele baute 1982 ihr Kunstwerk'Die Rampe. Anfang und Ende“. Stas?zek mag es ganz be⸗ Ssonders:*Trotadem hestimmt ge- meint ist die Judenrampe, ist das für mich Bild davon, wenn ich an— Lomme. So war das für mich. Sie ha- hen die Waggons hinten und vorne aufgemacht. Die Ss schlägt mit Ge— wehren und Kolben. Manche fallen. Hat jemand seine Mütze auß he- tommt der Schlag auf Kopf Wie kann jemand, der da selbst nicht war, das so gut machen?“ Das Kunstwerk steht an einer belebten Kasseler Straße, direkt am Zugang zur Universität. An Staszeks Freude über das gelungene Mahnmal frißt die Angst:'Bestimmt Schmeißen die
Srudenten die Kampe weg in ein, zwei Jahre, was Solldie immer in Au- ge driicken von die junge Leute.“
Die 1668 Männer des ersten War- Schauer Transportes formieren sich zum Einmarsch ins Lager durch das Tor mit der Inschrift'Arbeit macht frei'. Für Staszeks Tochter Kristina ist Arbeit macht frei' der erste deut- sche Satz, den sie kennenlernt. Sechsundfünfzig Jahre nach Stas- zeks Ankunft in Auschwitz wird sei- ne Tochter Wanda davon sprechen, daß ihr Vater wieder viel und oft über Auschwitz rede und sie fürch- te, er werde davon krank. Jch habe den Eindruck, er Lehrt nach Ausch- wit? zuriick.“ Siebenundfünfzig Jahre nach Staszeks Ankunft in Auschwitz wird er auf die Frage, ob es Tage in seinem Leben gäbe, an de- nen er nicht an Auschwitz denke, antworten:'Vielleicht nicht“. Die Wörter kullern unentschlossen von seinen Lippen, bis sie von einem das kommt immer, das laßt mich nicht? erfaßt werden.
Im Lager gibt es später ein Gerücht, S0 erzählt Staszek an jenem Tor, daß das B'* absichtlich auf den Kopf ge- stellt angeschweißt wurde, um den Neuen den ersten Hinweis zu geben, daß hier'alles verkehrt, nicht rich- lig, unrecht“ sei. Heute bezweifelt er diese aufrührerische Version. Es könnte eine nachträgliche schönfär- berische Interpretation des Wider- standes gewesen sein, befürchtet er. Seine Haltung zum organisierten Widerstand ist heute von Skepsis ge- tragen. Manche ehemalige Hdftlin- ge erdhlen, daß vie waren beim Wi- derstand und waren die gar nicht.


