Heft 
(1998) 1/1998. April 1998
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 11

enttäuscht. Nur das Umfeld, von den Medien bis zu den Diskussionen vor Ort, kommt den Erwartungen entge- gen. Die Ausstellung selbst behandelt drei klar abgegren?zte Ausschnitte aus dem Geschehen des Zweiten Weltkrie- ges, um eine These zu belegen, die ebenfalls deutlich abgegrenzt ist. Eine sinnvolle Rezeption des angebotenen Materials setzt Vorkenntnisse auf ei nigen unterschiedlichen Ebenen vor-

aus.

* Zunächst sollten die Besucher die Geschichte des Militärs in Preußen kennen, um die Bezugnahmen auf Tra- ditionen dieser Institution zu verste- hen, die in den Quellentexten, in den Kommentaren und in der Gestaltung der Ausstellung enthalten sind. Die In- Stallation des Eisernen Kreuzes als zen- trales Element der Ausstellung mit den darauf eingetragenen Verbrecheri- schen Befehlen' der Generalität, den Feldposthriefen, den Zitaten von Ernst Jünger und Carl Schmitt und mit den unkommentierten, nach Tötungsarten

geordneten Fotografien macht dies be- sonders deutlich.

* Sodann ist es kaum möglich, die Motivation für die Konzeption des Krieges im Osten ohne grundlegende Kenntnisse des spezifischen biologisti- schen Rassismus und des biologisti-

schen Antisemitismus des Nationalso- zialismus zu verstehen. Das betrifft sowohl die Morde an der jüdischen Be- völkerung als auch den menschenver- achtenden Umgang mit Kriegsgefange- nen und Zwangsarbeitern.

* Die Freignisse in der Sowjetunion der 40er Jahre ohne eine Vorstellung über die Besonderheiten des politischen Systems der UdSSR einzuordnen, ist ein schwieriges Unterfangen. Wie kann man sich den'Kommissarbefehl' er- klären, ohne zu wissen was ein Kom- missar in der Roten Armee einerseits tatsächlich, andererseits in der Vorstel- lung der deutschen Militärs war?

* Selten haben Jugendliche in Deutschland heute Kenntnisse über die Geschichte der Juden in Osteuropa. Diese Unkenntnis findet sich auch bei Lehrkräften. Kenntnisse über Kultur und Geschichte der anderen Bevölke- rungsgruppen Osteuropas sind in Deutschland heute ein Desiderat an die historisch-politische Bildung, nicht mehr. Es ist also unwahrscheinlich, daß bei den Besuchern eine konkrete Vor- stellung über die Identitäten der Opfer der deutschen Verbrechen besteht.

Einfache Täter rücken überraschend ins Blickfeld

Für die pädagogische Annäherung an die Ausstellung bedeutet dieses Ge- menge von schwer einholbaren Voraus- setzungen eine große Belastung. Aber dies beschreibt nur das Fernmaterial, der pädagogische Prozeß ist nicht zu letzt durch die subjektive Seite der Akteure geprägt. Alle Besucher sind in je unterschiedlicher Weise biogra- fisch mit den Ereignissen des Holo- caust verbunden. Die wenigsten kön- nen diese Verbundenheit reflektieren. Die meisten Schülerinnen und Schüler gehen davon aus, daß ihnen diese Ge schichte fern ist. Sie erwarten einen