Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5
mit Brot. Und nehme ich Reste von ge- kKochte Hund zwischen Balken mit in Zimmerei. Das weiß der aber nicht.* Staszeks Augen folgen den an den Mülleimern herumflatternden Raben, draußen vor der Museumscafeteria in Oswiecim. Die haben wir auch geges- sen', fällt ihm ein. Einer der Jugendli- chen aus dem Zimmereikommando baut eine Drahtfalle und postiert sie an der Lagermetzgerei, wo die Vögel mit- * Abfälle erheischen. Verfängt sich einer in der Falle, Kostet ihn das Kopf und Kragen, wird er gerupft und ausgenommen. Port in einem Schup— pen, wir nennen den Profil, machen wir Feuer und kochen den Vogel zwei Stun- den und ist der noch hart, hat der drei- hundert Jahre. Aber essen wir trotz- dem. Hunger haben wir viel.“ Weil der Platz gefährlich ist,'viel SS*, versiegt diese Nahrungsquelle bald wieder. Essen ist das ganz große Thema in und über Auschwitz, damals wie heute. Gibt es immer zu wenig, immer Sup- pe Richtiges Essen, Schweinefleisch, Semmelknödel, Rotkraut, Auschwitz ist ja ein deutsches Konzentrationslager, davon kann man im Lager nur denken. Oder erzählen, was ich habe zu Hause gegessen oder werde ich essen. Schnit- zel mit Braten, mit Rote Rüben, mit Gcheebchobenes oh', klingt auch in der Jetztzeit wie ein ganzes Festtagses- sen. Bei der Besprechung des Textes läßt sich Staszek nochmal jedes Wort auf der Zunge zergehen und ergänzt die Aufzählung:*Pellkartoffel mit Marmelade und Schmalz auch dazu.“ Irgendwann stellt er den Satz in die Welt: Hunger, kenne ich nicht, fühle ich nicht, überhaupt nicht. Ich esse, wenn es Essen gibt, wenn die Zeit zum Essen ist. Zum Beispiel frühstücke ich ohne Hunger. Seit dem Lager.“ Wurde damals viel über Essen ge- sprochen?'Obwohl wir davon haben mehr Hunger, oft, sehr oft. Oh, was ha-
ben wir nicht gewaschen, Schale abge- macht, geschnitten, gekocht, gebraten, probiert, gegessen, auf Ofen, in Ofen, gesprochen beim Arbeiten und auch sonst, alles, alles, was nur im Kopf S
Keine Geschichte über einen langen Appell, an die sich nicht die Frage an- schließt, ob es danach noch Essen gab, nach ein paar Stunden, da können wir schon nicht mehr laufen. Sehr spät ha- ben sie uns in den Block gelassen. Ha- ben wir kein Essen mehr bekommen, weil die Kessel schon wieder waren in Küche.“ Keine Geschichte über Ar- beitseinsätze außerhalb des Lagers, die nicht abgleitet in geradezu bohrende Fragen darüber, wer für die Essensab- holung zuständig ist, wer das Essen verteilt, in welchen Tonnen das Essen transportiert wird usw.'Schade, daß der Tadek nicht da ist, da können wir über Essen reden, daß der Margarine gestohlen hat und Zucker?.
Jedes Auschwitzer Fettauge auf ei- ner Suppe, jede Auschwitzer Sonderra- tion, hat fünfzig Jahre mental über- lebt.
Als Staszek irgendwann nach einem Wort für Durchfallgestank sucht, asso- ziiert er verblüffend zu Stinken-wie- ein Schwein:'Schwein kann ich nicht sagen, das ist Beleidigung für Schwein. Das Schwein riecht gut, geschlachtet noch besser, am besten gebraten.“ Es- sensgeschichten gibt es ohne Ende, in Gesprächen zwischen den Häftlingen haben sie oft allererste Priorität.*Zu Weihnachten vierzig gibt es im Lager Gulasch mit Kartoffeln“, sagt Staszek zu Hermann Reineck, seinem lieben Freund und ebenfalls ehemaligem Häftling.*Schade, daß ich zu der Zeit noch nicht in Auschwitz war', antwor- tet dieser trocken. Die Beschreibung jenes legendären Gulasch geht in ihrem bebenden Gelächter unter.'War das geschälte Kartoffel, weiß, trocken ge- Kocht, das ist wichtig“- und das Prä-


