Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 29
aus starkem Selbsterhaltungstrieb dem Zeichnen gewidmet, und dies hat mir sicherlich geholfen, das unvor- stellbare Grauen des Lebens damals zu verdrängen. In der Rolle des Beob- achters konnte ich mich wenigstens ein paar Minuten lang dem entziehen, was damals in Auschwitz passierte, und deshalb war es mir möglich, die Fäden meines Verstandes im Griff zu behalten“. Kunst als Kampf gegen die von der Lagerstrategie gewollte Selbstentfremdung. Kunst als Sieg des Geistes über Erniedrigung, Zerbre- chen der Persönlichkeit, brutale Ver- nichtung. Kunst als schöpferische Kraft in einer Welt totaler Entkräf- tung. Kunst zur Wahrung der Men- schenwürde, als Zeichen der Em- pörung, des Widerstandes angesichts der Herrschaft von Grausamkeit und Verbrechen.
Die Kunstwerke, Skizzen, Zeich- nungen oder Kunstgegenstände do— kumentieren all das. Ihre Themen sind vielfältig: Dokumentation der Lagerwirklichkeit, Erinnerungen und Träume, Porträts und Karikaturen, Bilder von der Heimat, Bilder als Kla- ge und Aufschrei über verlorene Frei- heit, des Ausdrucks von Zorn, Haß und Verachtung, aber auch voll Hoff- nung auf bessere Zeiten. Die handge- fertigten Gegenstände waren für den alltäglichen Gebrauch gedacht: Brief- öffner, Zierdosen, Siegelringe mit Häftlingsnummern. Auch religiöser Schmuck wurde gefertigt: Kreuze oder Rosenkränze aus Metall, Holz, Schnur oder gar Brot.
So sehr die Nazis Sonderaktionen gegen die schöpferische Intelligenz des polnischen Volkes mit dem Ziel ihrer totalen Vernichtung durchführ-
ten, so sehr waren sie im Lager daran interessiert, Kunstwerke von Hãäftlin- gen zu erhalten. Selbst der Pferdelieb- haber Höß, von den Zeichnungen des Häftlings Franciszek Targos?z ange- tan, war bereit, Kunstwerke von Häft- lingen in einem Lagermuseum sam- meln zu lassen.
Künstler gab es im Lager von An- fang an. Bereits mit den ersten beiden Transporten ab dem 14. Juni 1940 tra- fen künstlerisch begabte und ausge- bildete Häftlinge ein: Absolventen der Kunstakademien Krakau und War- schau, der Schule für angewandte Kunst in Krakau oder der Holzfach- Schule Zakopane.
Der Katalog„Kunst zum Uberle-
ben..“ bringt nach grundsätzlichen Uberlegungen über Themen wie Kriegsverbrechen(Anton Pelinka), Erfahrungen der Vergangenheit (Kazimierz Smolen), Wissenschaft,
Arzte und Medizin in Auschwitz (Benno Müller-Hill/Tadeusz Paczu- la), Abhandlungen über Kunst und Künstler in Auschwit?(rena 8S2y- manska) und Gedanken zur Rezepti- on der Holocaust-Kunst(Gabriele SPrigath). Sibylle Goldmann und My- rah Adams Rösing haben Texte und Bilder von 15 Künstlerinnen und Künstlern sowie drei unbekannten Autoren zusammengestellt. Der Band ist mehr als ein Ausstellungskatalog, er ist ein Dokument der Menschen- würde in der Hölle von Auschwitz.
Joachim Proescholdt
Kunst zum Uberleben- gezeich- net in Auschwitz, Austellungskata- log mit Werken ehemaliger Häftlinge des KZ Auschwit?z, Hrg.: Verband bil- dender Künstler Württemberg, 1989.


