Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29
EFin Biedermann und ein Foto-Spaziergang
im Ghetto„
Für den Journalisten Günther Schwarberg gibt es zwei Anlässe, sein großformatiges Buch'Das Ghetto“ zu schreiben. Zunächst die Geschich- te des Walter Caspar Többens. Töb- bens hat in Vegesack, einer kleinen Hafenstadt an der Weser, ein jüdi- sches Textilgeschäft'übernommen?, das er auch nach dem Krieg weiter betreibt. Ein deutscher Biedermann. Wo war Többens während der Kriegs- zeit? 1958 findet Schwarberg in einem polnischen Archiv einen Bittbrief ei- ner jüdischen Näherin an den'schef W. Többens'. Die Recherchen des Journalisten decken eine ungeheuerli- che Geschichte auf: Többens— der brutalste Ausbeuter im Warschauer Ghetto. 50.000 Juden müssen für ihn kostenlos arbeiten und Militärkleider für deutsche Soldaten nähen. Die Ju- den hoffen, durch eine Többens'sche Arbeitskarte der drohenden'Aussied- lung', das heißt, dem Massenmord in Treblinka, zu entgehen. Für 5.000 bis 10.000 Zloty erhalten sie die begehrte Arbeitskarte. Többens kassiert gewis- senlos. Später selektiert er persönlich. Von 6.000 Juden aus einer seiner drei Mammutfabriken gibt er 5.700 Juden zur Deportation in den Tod frei. Nur 300 Menschen überleben- auf Zeit.
Den zweiten Teil seines Buches wid- met Schwarberg dann den Fotografi- en des deutschen Feldwebels Heinrich Jöst aus Langenlonsheim. Jöst, seiner- zeit in Warschau-Praga stationiert, nutzte seinen 43. Geburtstag zu ei- nem'Spaziergang in die Hölle“. Da- bei entstanden 140 Fotoaufnahmen, von denen etwa die Hälfte in diesem Band dokumentiert ist.*Er fotogra- fierte Straßenhändler und Leichen-
Fine Rezension von Joachim Proescholdt
träger, sterbende Kinder und gutge- Kleidete Frauen', wie Schwarberg schreibt. Jöst'wollte wissen, was hin- ter den Ghettomauern vorging“. So ist eine erschütternde Bilddokumentati- on entstanden, die in der Realistik des Grauens und der Unmenschlichkeit noch weit über die Foto-Dokumente von Joe J. Heydecker(dtv 1280) hin- ausgehen. So unterschiedlich die Mo- tivation zu den Fotoaufnahmen war, s0 kann man nur mit Joe J. Heydecker sagen'Die Dokumente vertreten noch heute und heute wieder densel- ben Sinn wie am fernen Tag ihrer Ent- stehung: meine Furcht, daß dies alles einmal niemand mehr wahrhaben möchte“.
In Schwarbergs Buch werden die ca. 70 großformatigen Fotos durch kurze Begebenheiten jener Zeit begleitet und interpretiert. Im Nachwort schreibt Wolfgang Raupach von Ak- tion Sühnezeichen:'Die Bilder in die- sem Buch.. machen traurig und zor- nig, möchten aufschreien lassen oder verstummen. Manche werden fragen: Warum werden diese Bilder gezeigt? Und sie werden hinzufügen: Haben wir nach 50 Jahren nicht das Recht auf einen Neuanfang?- Nein, dieses Recht haben wir nicht! Das Recht ist verwirkt und nicht einzuklagen. Wer Ssollte ein solches Recht auf Neube- ginn gewähren? Die, die es könnten, sind ermordet worden.*
Günther Schwarberg, Das Ghetto Geburtstagsspaziergang in die Hölle, Steidl Verlag Göttingen, 1989, 222 Sei- ten, 24 Mark. Als Fischer-Taschen- buch Nr. 10302 14, 80 Mark.


