Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
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ten billigen möge..
Sagte mein Verwandter die Wahr- heit über die Strafen, die seinen Un- tergebenen erwartet hätten, sein Ent- schluß, den Mord an den Kriegsgefan- genen faktisch zu akzeptieren, wäre ein Verbrechen in der Wehrmacht gewesen. Tatsächlich aber war der Mord durch die Anordnungen für die Behandlung sowjetischer Kriegs- gefangener“ des OKW vom Septem- ber 1941 gedeckt- wohlgemerkt: ge- deckt, nahegelegt, nicht ausdrücklich befohlen. Der Mord war erlaubt, er wurde begangen, und so teilt mein Verwandter in diesem Brief ein klei- nes Detail aus dem Bereich der histo- rischen Wirklichkeit mit, der zurecht Verbrechen der Wehrmacht' heißt.
Es ist schwer, bei einem solchen Brief, der am Ende den Refrain auf- zuweisen hat, ein Krieg sei'leider nun einmal so“ und'Krieg ist nun einmal kein Frauenkränzchen“, die intellektuelle Selbstbeherrschung zu wahren. Und doch gehört er zu diesen Geschichten, in denen sich die Tatsa- chen zu Worte melden, und die Worte stehen denen, die die Tatsachen ca- mouflieren wollen, nicht mehr zu Ge- bote, und wir können in diesen Ge- schichten lesen, was mit ihnen noch dementiert werden soll. Ein Krieg wie jeder andere, und man solle ihn ver- stehen, indem man nicht als welt- fremder Moralist nach Recht und Un- recht, sondern als Historiker nach Ur- sache und Wirkung frage. Mein Ver- wandter überläßt sich dabei der Erin- nerung und im Brinnern dem Sog des totalen Krieges, der die Aufhebung dieses Unterschiedes zur Vorausset- zung hatte. Hier sieht man erneut, daß nicht nur die Tatsachen für das moralische Urteil von Belang sind, sondern das moralische Differenzie- rungsvermögen darüber entscheidet, was man an Tatsachen überhaupt wahrzunehmen in der Lage ist.
Man kann aus solchen Geschichten lesen, wie schwierig die Wieder- oder vielleicht Neugewinnung moralischer Maßstäbe ist, die ein totaler Krieg so totalitär außer Kurs gesetzt hatte. Die Reaktionen auf die Ausstellung'Ver- nichtungskrieg' zeigen dieses in einer Deutlichkeit, die vielleicht kaum ein- er erwartet hätte. Nicht, daß die Aus- stellung dies bewirkte. Die Rede vom Volkspädagogischen Unternehmen“ ist verfehlt und wahrscheinlich nur ein Fcho des Nachkriegsressenti- ments gegen den als Zumutung emp- fundenen Versuch einer Re-Fduca- tion, die man-Meinungen gegen Tat- sachen— allenthalben argwöhnt, wo die Rede über das, was gewesen ist, eine gewisse Intensität erreicht. Be- wirken kann so etwas kein Buch, kei- ne Ausstellung. Hier werden wir Zeu- gen einer wirklich noch nicht abge- schlossenen Umbildung einer polit— schen Kultur, die- und hier ist auch das Ressentiment gegen die Volks- pãdagogik“ Indikator einer halbbe- wußt eingestandenen Finsicht- sich nach 1945 aus sich selbst nicht hätte verändern können. Fine Ausstellung wie die, die wir hier in der Frankfur- ter Paulskirche eröffnen, ist— 80 hat sich herausgestellt- so etwas wie ein Schlüsselreiz, der viele Erinnerungen explizite Texte werden läßt, in denen wir ein Bild unserer Gesellschaft er- kennen in seiner ganzen Ambivalenz, seinem beschwerlichen Neben- und Ineinander von Nähe und Distanz zum Verbrechen.
Zusammengehalten wird dieses Konglomerat durch eine gemeinsame Phantasie- unterschiedlich ist nur die Bereitschaft, ihrer Berechtigung nachzugehen und sich dem Schrecken auszusetzen, den jede, wie immer be- schaffene Antwort mit sich bringt. Diese Phantasie kommt im Vorwurf der Pauschalisierung zum Ausdruck, dem lautstarken öffentlichen Insistie-


