26 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
zu machen, weil hinter uns'irgend- eine Schweinerei' passiert sei'. Sie fin- den keinen Feind mehr vor, nur die ausgebrannten Lkw und die gefalle- nen deutschen Soldaten. Es'war von Russen nichts zu sehen“, heißt es im Brief, und man hört noch die Emp- örung über den aus dem Verborgenen operierenden Feind. Die deutschen Soldaten aber:'Sie waren regelrecht hingerichtet worden'. Was für ein Sat?, der doch eigentlich sagen will, sie seien heimtückisch ermordet wor- den.
Ein Untergebener, ein'Kradmel- der', durchwühlt die Leiche eines der Gefallenen, mein Verwandter vermu- tet sofort Leichenfledderei und ver- bietet diese. Aber der Kradmelder hat nur nach dem Soldbuch gesucht, er kannte den Gefallenen, der war ein »Bekannter oder Verwandter“ von ihm gewesen, den er auf Grund des Soldbuches hatte zweifelsfrei identifi- zieren wollen, denn dessen Gesicht war während des Gefechts zerschmet- tert worden. Man marschierte weiter, Gefangene werden gemacht. Der Kradmelder soll sie zur Division brin- gen. Finmal kommt er zu schnell zu- rück: er hat sie, wie es im Brief heißt, vhinter irgendeinem Busch kurzer- hand mit der Maschinenpistole erle- digt“. Dieses nun, führt der Brief aus, wäre ja ohne den Uberfall auf den LkKw-Trupp nicht passiert, und nur wenn man so Ursache und Wirkung gemeinsam erkenne, erkenne man auch die Wahrheit.
Wie leicht und mit wieviel mehr Recht ließe anders sich von Ursache und Wirkung sprechen: von der Ursa- che des Angriffskrieges, von der Ur- sache, daß der Voraustrupp befehls- mäßig jenseits der Front operierte und das sogenannte Massaker nicht nur der Versuch war, die Stoßtrupps eines von vornherein gegen alles Völ-
ker- und Kriegsrecht operierenden Feindes zu bekämpfen- eine normale Kampfhandlung, auch wenn es ein anderer Feind gewesen wäre. Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, daß hier einer von Ursache und Wirkung spricht, wo die Rede von Handlungen, Entscheidungen und Verantwortung sein müßte. Mein Verwandter hat eine Tat gedeckt, die nach damals geltendem Völkerrecht sowie nach bisherigem militärische
Selbstverständnis ein Mord war, schreibt: Weil ich die Ursache, das Massaker an den Soldaten der Versor- gungs-Lkw, kannte, habe ich davon abgesehen, Lötzsch- 8o der Name des Untergebenen- zu melden''. Aber es folgen noch vier Sätze. Dies hätte für ihn bestimmt Kriegsgericht be- deutet. Das Urteil hätte mindestens Strafbataillon 600' oder'Todesstrafe bedeutet. Nur zur Abrundung sei er- wähnt, daß ich?usammen mit Lõtzsch 1943 infolge einer falschen Einweisung in russische Gefangen- schaft geriet. Daß unsere Gefangen- Schaft nur etwa 10 bis 15 Minuten dau- erte, hab ich nur dem entschlossenen Handeln von Lötzsch zu verdanken, doch dies ist eine andere Geschichte.* Nein, es ist keine andere Geschichte. So eng sind die Sätze nebeneinander gefügt, daß man sie zitierend nſ trennen mag. Was haben Lötzsch un
sein Vorgesetzter erwartet? Auch eine regelrechte Hinrichtung“ nach dem Maße von Ursache und Wirkung? Wie sehr muß die andere Geschichte, die Ursache der Dankbarkeit, noch zur Rechtfertigung des tolerierten Mordes herhalten, als wäre sie die rückgewandte Ursache der Entschei- dung. Man sieht, wie wenig wohl der- jenige, der die Geschichte erzählt, sich in ihr fühlt. Er ahnt, während er sie erzählt, daß nicht gelingen kann, was er möchte: daß man sein Verhal-


