Heft 
(1996) 2/1996. Juli 1996
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 11

fer. Claussen und Sofsky haben gleichzeitig aber auch die Grenze hin zur Identifikation beschrieben:

Es gibt erkennbar besondere ge- sellschaftliche Bedingungen, die Au- schwitz ermöglichten- und diese Be- dingungen existieren über Auschwitz hinaus fort. In diesen Bedingungen lebt Vergangenheit als Gegenwart weiter, und die gegenwärtig Lebenden werden durch diese Bedingungen ge- GOae(Claussen, S. 10) Und weiter: »Ein Bedürfnis, das Vergangene im Gegenwärtigen zu erkennen, kann nämlich einzig durch Erfahrung der Gegenwart erlebt werden.“(Claussen, ebenda). Und endlich:'um zu wissen, was Auschwit? war,.. bedarf es eines geschichtlichen Bewußtseins- doch ein solches Bewußtsein kann nur Re- sultat einer intellektuellen und emo- tionalen Anstrengung sein. Unter emotionaler Anstrengung sollte nicht identifikatorisches Verhalten mit Tä- tern oder Opfern verstanden werden.

Binfühlung und Emphatie haben notwendig an Auschwitz ihre Gren- zen, und das Bewußtsein der Nachge- borenen schärft sich nur im Wissen um den Unterschied, nicht im identi- fikatorischen Gleichheitsgefühl, das 6 Täter und Nachkommen ne-

beneinanderstellt.“(Claussen, S. 11).

Wolfgang Sofsky macht deutlich, daß bereits das vorgebliche»Nicht- Verstehen-Können' von Auschwit?z nichts anderes bedeutet, als ein Nicht-Verstehen-Wollen': Alles, was Menschen tun und erleiden, ist im Prinzip verstehbar... Da die Lager ein Ergebnis menschlichen Handelns waren, sind sie einem rationalen Ver- ständnis prinzipiell zugänglich.“ (Sofsky, S. 18).

Gedenkstãttenpãdagogit bewegt sich also in einem Spannungsfeld, das

durch Finfühlung und Empathie mit den Opfern im Sinne von Trauerar- beit und ein Sich-Annähern an die Motive der Täter und deren gesell- schaftliche Grundlagen über rationa- les Verstehen geprägt ist, ohne dabei identifikatorische Verhaltensmuster hervorzurufen. Finer der Herausge- ber von Praxis der Gedenkstättenpã- dagogik“ hat in einer anderen Veröf— fentlichung diesen Zusammenhang in Anlehnung an eine Bemerkung des Hamburger Geschichtsdidaktikers Bodo von Borries so zusammengefaßt: Das Hineinversetzen in die Opfer ist schmerzlich und belastend. Und doch scheint es vergleichsweise bequem. Vor allem mogelt es den Betrachter- wenigstens teilweise- auf die Seite der Opfer hinüber, stellt ihn auf die moralisch unschuldige, überlegene Seite und nimmt ihm durch Mitleid einen Teil von Scham und Verantwor- tung ab... Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist also nur dann glaubwürdig, wenn es sich neben den Empfindungen(für die Opfer, K. T.) zugleich mit den Strukturen und der Denklogik der Täter auseinander- Setzt.“(Thomas Lutz: Historische Or- te sichtbar machen. Gedenkstätten für NS-Opfer in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 1 2/05,§. 24)

Erkennbar wird hier ein methodi- sches Problem: Empfindungen für die Opfer stellen sich- Zumal in Gedenk- stätten- dann ein, wenn über Schilde- rungen des Lageralltages, der Situati- on in den Blocks, den Arbeitskom- mandos usf. die Lebenswirklichkeit der Häftlinge spürbar wird, biogra- phische Berichte, Zeitzeugengesprä- che u.ä. unterstützen dies. Wie aber nähert sich Gedenkstättenpãdagogik