Heft 
(1996) 2/1996. Juli 1996
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 9

Auf einen weiteren Faktor, den der veränderten Sehgewohnheiten' in sei- ner Auswirkung auf die Erwartungen der Besucherinnen und Besucher, weist Lutz hin; hier hätte ich mir eine tiefergehende Brörterung gewünscht. Zwar ist es richtig, daß die'Seh- gewohnheiten' der Fernsehgenera- tion' die Erwartung konstituieren, die Gedenkstätte, oder besser: das KZ, als Filmkulisse erleben zu können. Auch ichtig dürfte die Bemerkung sein, der täglich virtuell erlebbare und er- lebte Massenmord auf dem Bild- schirm mache eine Sensibilisierung vor Ort nicht möglich. Doch denke ich, daß hier weiterer Diskussionsbe- darf besteht. Es ist durchaus möglich, bereits in der Vorbereitung eines Ge- denkstättenseminars den Kontrast

zwischen'Dem, was heute ist' und Dem, was damals war' aufzugreifen und zu betonen. Damit könnte er- reicht werden, daß die von Lutz kon- Statierte Enttäuschung' abgelöst wird durch jene Irritation, die dann ent- Steht, wenn Wissen über die Vergan-

genheit auf erlebte Gegenwart stößt. Diese'Irritation' wird zum bestim- menden Moment einer aktiven Aus- einandersetzung und vermag Passivi- tät und Enttäuschung zu vermeiden, wenn sie bewußt angestrebt wird. Schließlich sollten wir eines nicht übersehen: Für Jugendliche ist- ihre Sehgewohnheiten bedacht- das'Sich- Vorstellen-Kõnnen' abhängig davon, ob sie über Bilder' verfügen, die ih- nen dies ermöglichen. Die Gedenk- stätte liefert ihnen diese Bilder' nicht, entspricht nicht der den Ju- gendlichen vertrauten Ikonographie. Erst wenn es gelingt, das Wissen, das Jugendliche in die Gedenkstätte mit- bringen, oder dort erwerben, auf den Ort zu übertragen, wird ein'Sich- Vorstellen-Kõnnen' möglich. Im übri- gen scheint sich hinter diesem Begriff wie ich denke- das Bedürfnis nach Verstehen-Wollen' zu verbergen. PFinen weiteren Aufsatz des ersten Kapitels halte ich für bemerkenswert, weist er doch durch das Beschreiben eines sprachlichen Defizites auf ei- nen 2entralen Aspekt von Gedenkstättenpãda- gogik hin. Annegret Eh- mann(Mitarbeiterin der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin) analysiert mit Akribie,'daß und wie Begriffe und Metaphern, die wir wählen, etwas über unser Verhältnis zur Geschichte aussa- gen(Fhmann, S. 75 ff). Ohne auf Binzelheiten eingehen zu wollen- In- teressierten sei gerade dieser Aufsatz empfoh- len, muß festgehalten werden: In der deutschen