24 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Trauerrede von Hans-Joachim Günther für Hermann Reineck
Er wollte nie pausieren,
immer wollte er weiter, weiter
Lieber Hermann, in drei Tagen wã- rest du wieder ein Jahr älter gewor- den, wir hätten mit etlichen Leuten bei dir im Wohnzimmer gesessen, An- ni hätte den Kaffee gemacht, wir hät- ten geraucht; über alles, was noch zu erledigen ist, hätten wir geredet, die anfallenden Arbeiten verteilt. Ich sehe die Situation vor mir: Es klingelt, neue Gäste kommen, wir rücken zu- sammen, begrüßen uns gegenseitig, rauchen, reden. Noch einen Kaffee? Deine Frage schreckt mich ein biß- chen aus meinen Gedanken, du Schaust mich an mit einem Grinsen, die Zigarette in der Linken, es ist ja erst 22.30 Uhr.
Mit ehemaligen Häftlingen zusam- mengekommen zu sein, mit ihnen zu reden, zu diskutieren, sie dabei zu be- trachten, ihre Gestik, ihre Mimik, sie anzuschauen, mit ihnen zu agieren, mit ihnen zu diskutieren, mit ihnen- den Zeitzeugen-2u reden, das bedeu- tet mir viel. Dies ist mein Erleben, meine Art der Auseinandersetzung mit dem Thema Auschwitz, und die, die machte es mir möglich, auch mit Hermann zu streiten, nach einiger Zeit fiel es mir leicht, mich mit ihm zusammen im Lager zu bewegen, oh- ne immer an das Grauen, welches dem Ort anhaftet, zu denken; mir ist bei so manchen Aufenthalten einge- fallen, daß ich, wenn ich damals dort Häftling gewesen wäre, wohl verrückt hätte werden müssen; ich bin mir nicht bewußt, was ich getan haben würde, wenn man mir die Möglichkeit des Entrinnens gelassen hätte, hätte
ich gestohlen, getõtet, verraten; mit- gemacht im Sinne der Unterdrücker?
Auf einer Veranstaltung sprach mich ein Mitglied unseres Vereines an, der Mann sagte zu mir:„Hermann ist der Ursprung unseres Vereines, und der Verein ist unsere Auseinan- dersetzung mit Auschwitz, was ma- chen wir denn, wenn Hermann einmal nicht mehr leben sollte*
Ich sagte, wir machen dann in sei- nem Sinne weiter, wir konkretisieren all das weiter, was Hermann schon an- gefangen- angedacht hat, wir werden nicht mehr auf ihn als Zeitzeugen zu- rũckgreifen können, aber wir werden Antworten geben können.
Die Studienfahrten nach Auschwitz werden natürlich weitergeführt, nicht umsonst haben viele von uns, wenn sie mit Hermann in Auschwitz waren, zu- gehört, zugesehen, haben selbststän- dig Kontakte vor Ort geknüpft, ken- nen sich mit vielen Gegebenheiten im Lager aus. Und Anni, die vieles mit Hermann gemeinsam organisiert hat, sie wird sicherlich ihre Schaffens- kraft einbringen.
Die Ausstellungen, die der Verein konzipiert hat, werden von Initiativen und Gruppen ausgeliechen werden können, im Foyer ist die Ausstellung zu sehen, die Hermann noch mitge- Staltet hat. Unsere inhaltlichen Mo- natstreffen gehen weiter, und es gibt viele thematische Schwerpunkte, s0 wie sie im letzten Mitteilungsblatt- an dem Hermann noch mitgearbeitet hat, nachzulesen sind. Die Arbeit an unserem Mitteilungsblatt ist schon


