Heft 
(1996) 1/1996. März 1996
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 5

Was in Auschwitz geschah, ist auch von Nachgeborenen nicht hinzunehmen

Hermann Reinecks tägliche Rebellion

Erinnerungen an einen unruhigen und oft friedlosen Menschen

vFieh dir alles an, und verliere nie den Mut, wenn es Dir Schlecht geht. Denn es konnt ja Sein, daß wir einmal darüber herichten müssen, daß wir einmal den Lebenden Rechenschaft abgeben müssen und daß wir uns zur Verteidig ung der

oten erhehen müssen.

Früher einmal marschierten wir im Kommando ins Lager zurück. Und ein Orchester Spielte dazu Schmissige Märsche. Dann kamen DAW und andere Kommandos und warteten vor dem Tor, zehntausend Männer. Gerade in dem Augenhlick rollten Lastwagen vom Frauen-KZ herüber und brachten nackte Frauen. Die Frauen rangen die Hände und riefen- Helft uns! Rettet uns! Wir

werden vergast! Hilfe!

Und Sie fuhren an uns vorüher an zehntausend Schweigenden Mdnnern. Kein Mensch rührte Sich, keine Hand hob sich. Weil die Lehenden immer recht haben

und die Toten nie.

Die Zeitungen hatten ausführlich berichtet über die Trauerfeier für Hermann, sie hatten geschrieben, wie seine Freunde und auch Vertreter der Politik an sein lebenslanges Trauma- die Haft in Auschwitz- erinnert und seine antifaschistische Arbeit gewür- digt hatten. Daß er nicht bei einer Trauerfeier, sondern einer'Kommu- Genpariy war, bekam einige Tage

Später einer der Anwesenden von ei- nem Wetterauer Kommunalpolitiker zu hören. Beide waren bei einem Empfang in sogenannter lockerer Runde ins Gespräch gekommen.

In dieses Bild paßt auch die fromme Genugtuung, mit der jemand in kra- keliger Handschrift eine Postkarte verzierte. Reineck- ein Verbrecher weniger? stand da zu lesen. Addres- Siert war die Karte, die eine Woche nach Hermanns Tod im Briefkasten in Gambach landete, an den'Freun- deskreis- Feind; bewußt unleserlich war dagegen die Absenderanschrift.

Tadeusz Borowski, Bei uns in Auschwitz

München 1963

Hermann hat es gewußt, wie nötig es war, über seine Haft in den Ge- fängnissen der Gestapo und im K?Z Auschwitz zu berichten, um den Le- benden Rechenschaft abzulegen und die Toten zu verteidigen, wie es sein polnischer Mithäftling Tadeusz Bo- rowski einmal formuliert hatte. Her- manns unermüdlicher Wille den*Ab- wieglern' Paroli zu bieten, ließ ihn kaum eine Bitte abschlagen, in Schu- len und an alle sonstigen Orten zu gehen, wo ihm Jugendliche und Er- wachsene zuhören wollten. Es war fast wortwörtlich zu nehmen: Wenn es um Auschwitz und Faschismus ging, ließ er alle anderen Dinge ste- hen und liegen. Er vernachlässigte sein Haus und achtete nicht auf seine Gesundheit, wie es Janusz Mlynarski in seiner Trauerrede ausdrückte.

In den letzten Jahren seines Lebens, als er nur noch selten selbst Auto fah- ren konnte, haben wir ihn zu den Ver- anstaltungsorten gefahren. Wenn wir