Heft 
(1996) 1/1996. März 1996
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6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

dann sahen, wie er mit- unter kaum die körperli- che Kraft aufbringen konnte, ohne Hilfe die Treppen hochzugehen, dann hatten wir Beden- ken, ob es richtig war, daß wir ihn hierherge- bracht hatten. Wenn er dann aber vor seinen Zu- hörerinnen und Zuhö- rern saß natürlich mit einer brennenden Ziga- rette in der Hand und einer Tasse schwarzen Kaffee vor sich auf dem Tisch-, dann war seine Stimme klar und fest und Seine Ausdauer Rede und Antwort zu stehen enorm.

Ein anderes Beispiel: 1991 hatte Her- mann kurz vor einer geplanten Bil- dungsfahrt einen Herzinfarkt und mußte ins Krankenhaus. Gerade mal wieder aus der Intensivstation heraus, ließ er es nicht zu, daß die Fahrt abge- sagt wurde. Anni'mußte die Gruppe begleiten, während der aus Zgorzelec angereiste Stazek Hantz im Haus in Gambach Stallwache hielt und Her- mann täglich im Krankenhaus be- Suchte.

Daß es kaum die Täter und Mitläu- fer des Dritten Deutschen Reiches waren, die Rechenschaft ablegen mußten über ihre Tun und ihre Un- terlassungen, war eine bittere Lektion für die ehemaligen KZ-Hãäftlinge. Sie mußten, wie von Borowski vorausge- ahnt, die Pflicht auf sich nehmen, den Lebenden Rechenschaft abzugeben. Und bevor sie dies gegenüber unbe- lasteten aber unwissenden Nachgebo- renen tun konnten, mußten sie sich in den ersten Jahrzehnten nach ihrer

Haft gegenüber der großen Mehrheit ihrer Zeitgenossen behaupten, und sie müssen es auch heute noch angesichts von alten und neuen Nazis und den sich hinter dem Mäntelchen des Na- tionalismus versteckenden Rassisten. Joachim Proescholdt sprach bei der

Trauerfeier für Hermann von der Not der überlebenden K?Z-Hãäftlinge, sich für ihr Uberleben rechtfertigen 2 müssen. Auch dies gehört zu ven Trauma Auschwitz, das Hermann zu einem, wie Joachim Proescholdt sagte, »unruhigen und oft friedlosen Men- schen' werden ließ. Auch auf ihn traf zu was Anne-Marie Fabian in einer Strophe ihres Gedichtes Auschwitz- Alphabet' beschrieb:

»Befreiung

Für uns: Kriegsende

Für die Opfer: Wiederkehr

alles Erlebten.

Alpträume, Absturz ins Bodenlose, KZ-Syndrom.