Heft 
(1995) 3/1995. Dezember 1995
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Chronist des Schreckens

Zum Tod von Hermann Langbein

27. Januar 1995. Die Welt blickt nach Auschwitz, wo der polnische Staatsprãsi- dent die Feiern zum 50. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Zzum Anlaß nimmt, der internationalen Offent- lichkeit vor dem Mahnmal in Birkenau ein Defilee von Staatsoberhäuptern, Re- gierungschefs und Nobelpreistrãgern vor- zuführen. Die überlebenden Häftlinge, sofern sie nicht mit ausländischen Dele- gationen gekommen sind, gehören nicht zu den Ehrengästen, die zu den reservier- ten Plätzen geleitet werden. Sie müssen sich viele Stunden lang hinter den Ab- sperrungen zusammendrängen, manche von ihnen halten den polnischen Solda- ten, die ihnen den Weg zu den Sitzgele- genheiten versperren, voller Empörung ihren Arm mit der eintätowierten Num- mer entgegen.

Unter ihnen, ein wenig im Abseits, steht ein schmaler, gebrechlich wirkender Mann, auch er ein ehcmaliger Häftling. Hermann! immer wieder ertönt dieser Ruf, zu Hermann drängt sich ein Uberle- bender durch die Menge, um ihn zu umarmen. Den Ablauf der Feier verfolgt er mit einem traurigen, auch ein wenig spöttischen Gesichtsausdruck, bevor er sich zu Beginn der Kranzniederlegungen abwendet und mit einem jungen Begleiter langsam das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers verläßt.

Hermann Langbein, der wohl bekann- teste deutschsprachige Auschwitz- Uber-

lebende, hat diese Veranstaltung, die sei-

ne letzte Begegnung mit diesem Ort wer-

den sollte, voller Bitterkeit Kommentiert.

Als Chronist des Schreckens hatte er über ein halbes Jahrhundert hinweg unermüd- lich Zeugnis abgelegt und gegen das Ver-

gessen gekämpft. Schließlich war ihm das

Gespräch mit jungen Menschen zur wich- tigsten Aufgabe geworden.

1912 in Wien geboren, hatte er sich 1938 den Internationalen Brigaden in Spanien angeschlossen und war nach seiner Inter- nierung in französischen Lagern im Mai

1941 ins Konzentrationslager Dachau ein- geliefert worden. Nach 16 Monaten wurde er nach Auschwitz verlegt, wo er zwei Jahre verbrachte und als Schreiber des SS Lagerarztes eine Schlüsselstellung in der Leitung der internationalen Wider- standsorganisation innehatte.

Keine Gnade

Nach dem Krieg begann er zu schreiben und zu publizieren, aber bis zum Frank- furter Auschwitz-Prozeß im Jahr 1965, den er später als eine Zäsur im Umgang mit den nationalsozialistischen Verbre- chen sah, fühlte er sich als ungehörter Rufer in der Wüste. Ging es ihm zunächst darum, die Verbrechen zu dokumentie- ren, die Justizbehörden bei ihren Ermitt- lungen gegen die Täter zu unterstützen und den Opfern bei ihren Bemühungen um Anerkennung und Entschädigung zu helfen, so füllte ihn in spãteren Jahren die Aufklärung in den Schulen und das Ge- spräch mit jungen Menschen immer mehr aus. Hermann Langbein hat in Osterreich durchgesetzt, daß Zeitzeugen in die Schulen geladen und jährliche Fortbildungsseminare für Lehrer organi- siert wurden. Offizielle Einladungen nach Deutschland nahm er nur an, wenn sie sich mit dem Besuch in einer Schule verbinden ließen. Zornig wandte er sich immer wieder gegen den Begriff der Gnade der späten GeburtEs ist keine Gnade, sondern eine Bürde. Unddie Nachgeborenen trifft keine Schuld oder Verantwortung für die Verbrechen, aber wir, die wir als Generation versagt haben,

müssen den Jungen klarmachen, welcher

Verbrechen auch 20 jährige in Auschwitz fähig waren und daß es heute an ihnen liegt, eine Wiederholung zu verhindern. Osterreich hat mit dem Tod Hermann Langbeins eine seiner bedeutendsten Stimmen des Gewissens verloren, eine Stimme, die schließlich auch in Deutsch- land zunehmend Gehör gefunden hatte.