Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31
In seiner Rede am 25. Januar 1995 im über die Jahrestage hinaus die Bemühun- Landtag von Nordrhein-Westfalen zur gen der Uberlebenden fortzuführen. Es Befreiung von Auschwitz vor 50 Jahren, muß sich noch zeigen, wieviel Widerhall für die er das Thema„Auschwit?z und die diese Worte zukünfig finden werden.
nachher Geborenen“ gewählt hatte, ver- BARBARA DISTEL band er seine Feststellung, daß er zum erstenmal eingeladen war, vor einem pro- minenten politischen Grcemium über Sdde ursche Zeitung 26 Okt 1995 Auschwitz zu sprechen, mit einem Appell, Barbara Distel ist Leiterin der
Gedenkstätte Dachau
8 Verlobungsbriefe von Moritz Steinschneider und Auguste Auerbach Die Existenz der abendländischen Juden vals mehr oder minder bevorzugte Parias?
Marie Louise Steinschneider, langjähriges Mitglied der Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis, hat zusammen mit Renate Heuer einen Briefwech- Sel ihrer Urgroßelterm Moritz und Auguste Steinschneider herausgegeben.
Moritz Steinschneider, geboren 1816, gilt als Begründer der wissenschaftli- chen hebräischen Bibliographie. Er war ein bewußter Jude und linksliberaler Revolutionãr, der sich während der Revolution von 1848 in Berlin am Barrika- denbau beteiligte. Der Briefwechsel mit seiner sieben Jahre jüngeren Verlobten Auguste Auerbach, die in Prag eine Anstellung als Hauslehrerin hatte, dauerte mehr als?wei Jahre. Ihre Briefe widerlegen die Meinungen'über das koloni- sierte Bewußtsein von Frauen jener Zeit“, schrieb Micha Brumlik in seiner Rezension in der Frankfurter Rundschau. Das Leben Auguste Auerbachs zei- ge,'wie schon damals Bildung und Selbstbewußtsein eine distanzielle Haltung gegenüber Zeitläuften und Herkunft erlaubte“, so Brumlik. Die Reflexionen Augustes über ihre Lebenssituation als Frau, als Angehörige einer Minderheit und als politisches Subjekt ziele auf nichts weniger als auf eine emanzipatori-
sche Theorie des Judentums, die platten, weltanschaulichen Atheismus ebenso vermeide wie gemeindliche Enge: Das Judentum“, so schrieb Auguste 1946 nach der gescheiterten Revolution,'soll weder Freidenker noch Juden bilden, aber es soll Menschen als freie Denker erziehen“.
Und wenn Auguste Auerbach erkennt,'wir armen Juden müssen uns in das Los ergeben, überall als mehr oder minder bevorzugte Parias zu figurieren“, so belege dies, daß nicht erst der Soziologe Max Weber die Existenz der abendlãn- dischen Juden im Bilde der Parias zu verstehen suchte.
Den Briefwechsel des späteren Ehepaares Steinschneider beurteilt der Re- Zensent als'eine unschätzbare Quelle zur Emanzipation von Juden und Frau- en, Zur Wahrnehmung der Revolution von 1848 und nicht zuletzt zum Alltag und zum Geschlechterverhältnis im Vormärz“.
Moritz Steinschneider: Briefwechsel mit seiner Verlobten Auguste Auerbach 1845 1849. Herausgegeben von Renate Heuer und Marie Louise Steinschneider. Campus Verlag, 1995, 397 Seiten, 98 DM.


