Heft 
(1994) 3/1994. Oktober 1994
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 29

Nötig sind eine'nachhaltige Prägung und eine beständige Identität, die zu einer Haltung und zu Inwertsetzungen führen, und so hinderlich wirken, für die freie Verfügbarkeit der jeweilig als opportun geltenden gesell- schaftlichen Richtungen. Fine solche Prägung strukturiert nicht nur die Alltagsbedingungen, sie befähigt und nimmt sich heraus über die Akzep-

tanz Zu entscheiden.

Literatur ist identitãtsfõrdernd, Le- sen prãgt das Individuum und ergibt- um einen Begriff aus der Computer- und Datentrãgersprache zu wählen eine Initialisierung. Sie schafft im Indi- vduum eine ursprüngliche Fintei- lung, deren Struktur alle späteren Er- fahrungen, Haltungen, Kenntnisse ordnet und einordnet.

Eben das war eine Aufgabe und ein Ziel der Aufklärung, und eben diese

prägende Identität wurde in unserer Zeit zu einer unerwünschten Bela- stung, da die erfolgte Prägung das Künftige nicht nur strukturiert, son dern auch über die Akzeptanz ent- scheidet. Das zu seiner Identität ge- langte Individuum nimmt nur noch eingeschränkt auf, es filtert und prüft die eingehenden Informationen, es wählt aus, und es ist nicht mehr belie- big zu gebrauchen.

Christoph Heins Rede ist in der von ihm mithe rausgegebenen Wochenzeitung Freitag(7. Oktober 1994) Ssowie in Auszügen in der'Frankfurter Rundschau (6. Oktober 1994) nachzulesen.

Berichte und Materialien zu einer Begegnung mit Auschwitz

Gedächtnislücke

»Gedächtnislücke? heißt eine Broschüre, die Dokumente und Materialien versammelt zu einer Reise nach Oswiecim und einer Begegnung mit Au- Schwitz. Sie basiert auf den Eindrücken, die eine aus 20 Personen bestehen- de Gruppe aus Aschaffenburg bei der Vor- und Nachbereitung sowie natür-

Oich dem Aufenthalt in der Gedenkstätte Auschwitz selbst gefaßt hat.

Unter anderem wird auch über die Spurensuche nach dem Schicksal von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus dem Landkreis Miltenberg sowie über den ehemaligen SS-Unterscharführer Ernst Heinrichsohn, der in Paris mitverantwortlich war für die Deportation von Juden nach Auschwitz, berichtet. Heinrichsohn war nach dem Krieg Bürgermeister in Bürgstadt im Kreis Miltenberg. Als Jürgen Amendt, einer der Herausgeber der Broschüre, am Gedenktag an die Pogromnacht 1938 an die NS-Karriere Heinrichsohns erinnerte, wurde dies als'bösartige Agitation angesehen. In einem Leser- brief wandte sich ein Bürgermeisterkandidat der CSU gegen das systematische Aufrühren der Verbrechen im Dritten Reich?.

Die Broschüre ist für 3 Mark beim Amt für Industrie- und Sozialarbeit der ev.-luth. Kirche in 63739 Aschaffenburg, Kolpingstr. 7, Tel. 06021 25284, erhältlich.