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(1994) 3/1994. Oktober 1994
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28 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Hitler-Attentäter war länger gefangen als hitlertreue Generäle

Die Schädlichkeit einer festen Identität

Die Fröffnungsrede zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse hielt der Schriftsteller Christoph Hein. Er sprach über»Prägungen und Identitäten des Menschen sowie über die strukturelle Anforderung der modernen Gesellschaft, die es erforden, daß ein funktionierendes Mitglied dieser Gesellschaft fähig sein muß, mehrfach seine Identitäten zu wechseln. Die'effiziente Technokratie verlangt ein immer höheres Maß an Disponi- bilität, Verfügbarkeit, Aufgeschlossenheit, Anpassung, Geschmeidigkeit, gewiß auch Opportunismus und erfordert eben disponible ſdentitãten& Christoph Hein verdeutlichte seine These an zwei Beispielen:

Als im Sommer 1947 die amerikani- sche Militärverwaltung General Engel und einige andere hitlertreue General- stabsoffiziere aus der Kriegsgefangen- schaft entließ, erkundigte sich Gene- ralmajor von Gersdorf, der vier Jahre zuvor versucht hatte, Hitler in die Luft zu sprengen, warum er im Lager bleiben müsse. Der Lagerkomman- dant erwiderte ihm.»General Engel hat in seinem ganzen militärischen Le- ben gezeigt, daß er stets nur die ihm gegebenen Befehle ausführt. Er wird uns auch im Zivilleben keinen Wider- stand leisten und ist daher für uns keine Gefahr. Sie aber haben bewie- sen, daß Sie gegebenenfalls ihrem Ge- wissen gehorchen und dann unter Umständen unseren Anordnungen nicht Folge leisten würden. Deshalb

sind Leute wie Sie für uns gefähr- lich.«(Zitiert nach J. Fest: Staats- streich.)

Vierundvierzig Jahre später, im Herbst 1991, werden zwel Bürger- rechtler der DDR vom neuen Perso- nalchef ihres gerade privatisierten Be- triebes mit der Auskunft entlassen, daß begründete Zweifel an der Loyali- tät der beiden Mitarbeiter gegenüber der Firma hestünden, da sie in der Vergangenheit also in der Zeit vor 1989 andere Interessen über die des damaligen Kombinates stellten. Brauchbar sind und nicht entlassen wurden dagegen drei leitende Ange- stellte, die vor 1989 keinerlei Anstoß nahmen an fraglichen und heute wie damals strafbaren Handlungen der ehemaligen Kombinatsleitung.

Gerechtigkeit ist'der Natur fremd, sie ist kein kreatürlich-natürlicher Wert', hatte Christoph Hein zuvor bereits hervorgestellt. Die Humanisie- rung des Menschen ist eine allein zivilisatorische Leistung, so stabil und brüchig wie diese Zivilisation?.

Das Individuum im heutigen Produktionsprozeß darf sich nicht länger auf eine einzige Iden- tität festlegen lassen. Es muß, um ef- fektiv arbeiten zu können, um über- haupt den wechselnden Arbeitsanfor- derungen zu genügen, um nahezu be- liebig verfügbar zu sein, zu einem [dentitãtswechsel bereit und fähig sein. Das Individuum, so lautet der

kulturkritische Einwand gegen einen weiteren sorglosen Umgang mit der Literatur, muß sich für mehrere Iden- titäten offenhalten, muß für unter- schiedliche Identitäten verfügbar sein. Die Fchtheit, die Unverwechselbar- keit einer Person ist nicht mehr für ein ganzes Leben, sondern nur noch für kurze Lebensabschnitte erforderlich und brauchbar.