Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33
Kabarett im KZ
Jo van Nelsens berührende Grammophon-Lesung
Es wird gelacht und es ist trot?dem bitterernst, es ist ko— misch,tieftraurig und deprimie- rend zugleich. Mit seiner Gram- mophon-Lesung Kaharett im K? greift der Musikhistoriker und Chansonnier Jo van Nelsen sehr einfühlsam und sehr kenntnis— reich ein sehr problematisches kulturgeschichtliches Thema auf. Bei seinem Auftritt am 13. No— vember in der Stadtbibliothek Bad Vilbel war die Lagergemein- Schaft Mitveranstalter.
Jo van Nelsen erzählt in sei— nem Programm von den Schicksa- len vieler inhaftierter Künstlerinnen und Künstler(ſsa Vermehren, Willy Ro- sen, Paul OMontis, Kurt Gerron, u. a.), liest ihre Texte, singt ihre Kieder und spielt Schellackplatten ab. Seltenes Bild- und Hilmmaterial machen den Auftritt Zu einer spannenden Zeitreise.
So wurde auch immer wieder sehr ge⸗ lacht, denn die vorgestellten Autoren und Interpreten waren Meister ihres Fachs. Schnell griff aber dann auch das Entset- zen um sich, wenn van Nelsen über die Hintergrũnde informierte. So fanden bei- Spielsweise die Kabarett-Revueen im Lager Westerbork immer dienstagsa- bends statt, wenn draußen die Häftlinge in die Waggons für den Jransport in die Vernichtungslager getrieben wurden.
Die Kabarettist: Innen erhofften sich größere Chancen, um zu überleben, und wollten sich selbst und anderen Hãftlin- gen einige Momente bieten, den Alltag vergessen zu können. Und wer kann es nicht verstehen, wenn sich vom Tode
Camiilla Spira, Max Ehrlich, Fran? Engel u. a. 1943 in einer Revue des Lagers Westerbork. Foto: Rudolf Breslauer(Gemeinfrei)
bedrohte Menschen mit Liedern wie „Mir ist heut So nach Olicklichsein und einem Rendevouz“ für Minuten aus der Wirklichkeit hinwegträumen.
So wirkten die Vorstellungen mit auch durchaus provokanten Texten ei- nerseits als Beruhigungsmittel und mö- gen andererseits als Gelächter der Ver- zweiflung wahrgenommen werden. Let?teres vor allem für Jo van Nelsens Publikum, denn in der Nachschau bleibt die bittere Erkenntnis, dass auch die meisten Künstlerinnen und Künstler der deutschen Mordmaschinerie zum Opfer fielen. So wendet sich die Gram- mophon-Lesung gegen das Vergessen und für das Erinnern an die, die auch hinter Stacheldraht Unterhaltung zu ihrem Lebensinhalt machten.
Mit„Kabarett im KZ“ bietet Jo van Nelsen einen Abend, der ob seines wi- dersprüchlichen Themas und einprãgsa- men Darstellung lange nachhallt. (Weitere Infos: https:jovannelsen. de/)
Hans Hirschmann


