Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 25
8e sportliche Betätigung uns dabei zu helfen, die extrem widrigen Lebensbe- dingungen zu ertragen.
Nonek und ich verbrachten un- zählige Stunden mit Spielen und Re- den. Wir haben sogar Pläne geschmie- det, wie man die Probleme der Welt lösen und aus der Erde einen besse- ren Ort machen könnte, an dem die gesamte Menschheit leben konnte. Irgendwann wurden die Bedingungen im Ghetto immer unerträglicher und wir fanden in unseren regelmäßigen Tischtennisspielen nicht mehr die Ruhe und den Frost. Das tägliche Leben wurde immer härter, und die Ghettobevölkerung dezimierte sich durch Unterernährung, Krankheit und willkürliche Deportationen.
Lebensmittel waren immanent mit Arbeit verbunden. Hans Biebow, ein Deutscher, der für sämtliche Fabriken im Ghetto zuständig war, bereicherte sich persönlich an den Zwangsarbei- tern, die er beschäftigte— unter Mit— wirkung der Direktoren der Ghettofa- briken und der deutschen Privatindu- Strie. Die Produktionsquoten, die von den Arbeitern erfüllt werden mussten, waren an Lebensmittelrationen ge- koppelt. Je mehr man arbeitete, umso mehr Lebensmittel erhielt man. In Wahrheit bedeutete das, wenn es ei- nem gelang, die bereits hohen Produk- tionsvorgaben zu übertreffen, erhielt man ein klägliches, zusätzliches Stück Brot. Damit hatten die Deutschen ein diabolisch grausames System ent- wickelt, ein Verfahren, das uns lang- sam an Hunger und Uberarbeitung sterben ließ, während wir den letzten
Rest Fnergie, den wir noch hatten, dafür einsetzten, billige Waren für die deutsche Wirtschaft Zu pro- duzieren.
Man kann sich kaum vorstellen, welche Auswir- kungen der stän- dige, bohrende Hunger hat, und was er mit Kör- per, Geist und Seele anstellt. Die Gedanken kreisen ausschlieBlich darum, wie man etwas zu essen bekommt, der Kopf arbeitet auf einem elementaren Uberlebensni- veau, und man verliert jedes Gefühl für die Konsequenzen die es haben kann, wenn man diesem glühenden Verlangen nachgibt. Die Rabbiner be- freiten praktizierende Juden von der Pflicht, ausschließlich koschere Nah- rungsmittel Zu essen, da es hier um Le- ben und Tod ging(pikuach nefesch). Vielen Menschen war es egal, ob sie Schädliches zu sich nahmen, bestimm- te Blätter etwa, die im Ghetto wuch- sen und von denen wir wussten, dass sie giftig waren. Die Menschen aßen sie, um überhaupt etwas zu essen. Und leider gab es immer noch viele, die nicht begriffen haben, dass der Scha- den, den sie ihrem Körper zufügten, indem sie sich in den Fabriken veraus- gabten, viel größer war, als es die paar zusätzlichen Brotstücke wettmachen konnten, die sie dafür bekamen.
Das Quotensystem war extrem
Noach Flug 925-2011)


