6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
es nicht mehr, der Akzent liegt heute sicher auf dem Namensbestandteil „FrelndesMreis der Auschwitzer“. Vie- le Mitglieder kommen aus dem Kreis der Teilnehmer an Studienfahrten.
Gerade bei öffentlichen Gedenkver- anstaltungen sind regelmäßig die Ap- pelle„Nie wieder Krieg“ oder„Nie wieder Auschwitz“ zu hören. Doch dieser Konsens scheint zu bröckeln. Wir erleben in der Gesellschaft wieder mehr Hass und Ausgrenzung, die sogar in Gewalt und Mord münden. Antise- mitische und antiziganistische Ressen- timents und Ubergriffe nehmen zu. Haben Sie manchmal die Sorge, dass sich solche Menschheitsverbrechen wie unter den Nationalsozialisten wie- derholen können?
Ich glaube nicht, dass der Konsens brõckelt, wenn die Forderung„Nie wie- der Auschwit?“ lautet. Was bröckelt oder vielleicht nie da war, ist das Ver- ständnis dafür, was das bedeutet. Was brõckelt, ist die Bereitschaft, das Ent- Stehen totalitãrer Weltbilder und politi- scher Systeme bereits im Keim zu er- kennen und zu bekämpfen. Was brõckelt, ist die Bereitschaft, Hass und Diskriminierung im Altag zu erkennen und zu bekämpfen. Aber ja:„ Es ist ge⸗ Schehen, ind ſolglich Kann es wieder ge⸗ Schehen. Darin liegt der Kern dessen, wus wir ⁊l vgen haben. Es Kann wieder ge- Schehen, iberall.“ Das hat Primo Levi, Auschwitz- Uberlebender und großer italienischer Schriftsteller, gesagt. Das gilt immer noch.
Der Publizist Navid Kermani hat von
seiner Reise nach Auschwitz erzählt, dass allein schon der Aufkleber mit der Aufschrift„Deutsch' für Besu- chergruppen besonders schwer wog, wie ein Geständnis wirkte, die Scham Spürbar war. Wie haben Sie das emp- funden?
Ich habe solche„Aufkleber? nicht erlebt. Unabhängig davon kann man Auschwitz, gleich ob das Stammlager oder Auschwitz-Birkenau, nicht betre- ten und erleben in jedem Fall nicht als Deutscher- ohne ein Gefühl tiefer Be- klemmung und auch Scham, jedenfalls dann nicht, wenn man auch nur einen Funken Menschlichkeit im Leib hat. Ich habe seinerzeit einen Text geschrie- ben, der mit dem Satz endete:„Von Alischwitz nimmt man Keinen Ab— Schied.* Pabei ist es für mich geblieben.
Mit 7eitlicher Distanz verschwinden die familiären Bezüge zur NS-Zeit, zumal bald auch die letzten Uberlebenden ge- storben sein werden. Damit verblasst die Erinnerung an die Schrecken- und an die Opfer. Wie kann es angesichts dessen gelingen, auch junge Menschen noch 7u erreichen?
„Familiäre Bezüge' auf der Seite der Opfer kann es nur geben, wo tatsächlich Opfer in der Familie sind. In Deutschland kommen die fami- liären Beziehungen zu Tätern und Zu-— schauern häufiger vor. Diese Bezüge sind nach wie vor allgegenwärtig. Wenn wir deutlich machen können, dass das alles vor unserer eigenen Haustür und in unseren eigenen Fa- milien angefangen hat, dass Auschwit?z das Resultat eines langen und kom-


