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(2020) 1/2020. Januar 2020
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 7

plexen historischen Prozesses ist, dass das nichtirgendwo hinten in Polen? war, dann kann man auch junge Leute erreichen. Aber der tiefe Schrecken über das, wofür Auschwitz in ganz be- Sonderer Weise steht, wirkt auch bei jungen Leuten immer noch nach.

Inwieweit teilen Sie die Ansicht Ker- manis, die Auseinandersetzung werde anArglosigkeit gewinnen, weil nicht mehr dieEwiggestrigen leug- nen werden, sondern gan? normale, sogar weltoffene junge Leutenicht mehr verstehen, was Hitler mit ihnen Zu tun haben soll*?

Arglosigkeit ist ein seltsames Wort in diesem Zusammenhang. Und zwischen demLeugnen und dem Sat? Damit habe ich nichts zu tun? liegt ein großer Unterschied. Der letztere Satz ist übrigens eines der ältesten Versat?- stücke verweigerter Auseinanderset- zung, der wurde so oder ähnlich schon unmittelbar nach dem Krieg verwen- det. Die Generation der Nachgebore- nen ist nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dafür, dass es nicht wieder geschieht. Das ist der Kern der pãdago- gischen und politischen Aufgabe.

Sollten Fahrten in KZ-Gedenkstätten sei es beispielsweise Buchenwald, Dachau oder sogar Auschwitz- ver- pflichtend in den Lehrplänen von Schulen verankert sein?

Die Forderung, daß Ausch witz nicht noch einmal vei ist die allererste an Erziehng. Sie geht so vehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, Sie hegriinden zu missen noch zu v0l⸗

len. Das ist von Theodor W. Adorno. Es Sollte deshalb für alle Schulen eine Selbstverständliche Verpflichtung sein, Solche Fahrten als Bestandteil einer umfassenden antifaschistischen Bil- dungsarbeit anzubieten. Die Teilnah- me daran sollte aber- das ist meine persõnliche Uberzeugung nicht ver- pflichtend sein.

Wie nehmen Sie generell die Gedenk- kultur in Deutschland wahr, in die in den vergangenen Jahren verstärkt Misstõne vonVogelschiss,Schuld- kult und einererinnerungspoli- tischen Wende um 180 Grad' einge- flossen sind?

Es gibt auf der einen Seite eine über die Jahrzehnte hinweg sehr differen- zierte Forschung, die sich immer auch neuen Themen und Perspektiven geöff- net hat. Es gibt immer wieder neue For- men der Frinnerung und des Geden- kens. DieStolpersteine? sind ein gutes Beispiel dafür. In den 60er und 70er Jahren war es keineswegs selbstver- ständlich, am 9. November des Po- groms zu gedenken, heute ist das so, ge rade auch in Gießen. Und es ist ein gutes Zeichen, dass in den vergange- nen Jahren immer auch junge Leute, Schulklassen, an der Gestaltung teilge- nommen haben. Gleichzeitig gibt es von Anfang an den- hifflosen-Versuch, sich um die Erinnerung und damit um die Verantwortung herumzudrücken. Das wird nicht gelingen. Von Auschwitz nimmt man keinen Abschied!

Ersterscheinung- Oießener Anzeigen Freitug, 29. November 20719