Heft 
(2017) 2/2017. Dezember 2017
Einzelbild herunterladen

Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21

eltern, seiner Tante und seinem Vetter zusammen, die nicht deportiert worden waren. In der Folge bekommt Maurice vier Söhne, er wird Englischlehrer und Linguist an der Universitãt.

Was Zeichnet dieses Zeit?eugnis ge- genüber anderen aus?

Zunächst wurde es von einem Kind geschrieben, das nach Auschwit? depor- tiert wurde, wie das von Nadine Heftler oder Ana Novac. Tatsächlich beruht das Buch von Maurice im Wesentlichen auf Aufzeichnungen, die der Sechzehnjähri- ge kurz nach seiner Rückkehr verfasst hatte. Fünf?Zig Jahre später wurden sie in Buchform gebracht.

Dieses Zeit?eugnis ist also auf mehre- ren Ebenen Zu lesen. Zunächst ist es das Zeugnis eines sehr jungen Heranwach- Senden, es ist aber auch, am Anfang und am Ende des Buchs, der Blick eines reifen Erwachsenen auf sein Erleben als junger Mensch. Besonders interessant und erhel- lend ist die beeindruckende Reihe von Anmerkungen mit Belegen am Ende des Buchs das Ergebnis von minutiõsen und prãisen Nachforschungen, die die er- lebten Fakten, die Maurice, als er sie er- lebte und nicht verstehen konnte, er klären und ergänzen, oder sie immer sehr Sachlich in ihren Kontext stellen.

Diese EFrZählung ist s0 etwas wie der Voltairesche Candide in der Hölle(vgl. Voltaires Novelle aus dem Jahre 1739 Candide oder der Optimismus*)! Mauri- ce ist 15 und it extrem arglos, ja verblüf- fend naiv Maurice versucht immer wieder sich anzupassen, hat aber nicht wirklich die Fãhigkeit dazu. Uberleben im Lager verlangt, schlau und verschlagen zu sein oder es sehr schnell zu werden, Maurice ist das völlige Gegenteil. Selbst wenn er glaubt, verstanden Zu haben, wird er noch übers Ohr gehauen, aus nichts kann er et- was lernen. Wie er im Rückblick selbst

Maurice Cling, Klassenfoto 1943-194 kurz vor seiner Verhaftung(mittlere Rei- he, Zzweiter von links; Archiv Cling)

Sagt: Er war im Lagerein Schwaches und weinerliches Kind. Umgekehrt waren es vermutlich gerade diese Schwächen, die

Mitleid erregten und ihm Hilfe brachten. Diese Erzählung ist die des Lebens und täglichen Uberlebens, sie widmet sich mit der Genauigkeit des Entomolo- gen den wahren kleinen Details des tãg- lichen Lebens sowohl während der Be- SetZung als auch wãhrend der Deportati- on, was sie fesselnd macht. Die Sprache ist von großer Klarheit, vermutlich weil der Text lange nach der Niederschrift von einem KHinguisten überarbeitet wur- de. Die Erzählung ist auch didaktisch wohl konstruiert, was sie selbstverständ- lich auch pãdagogisch interessant macht. Maryonne Braunaschweig

CLIN6 Maurice, Vouus qui entrez ici..., Un enfant d Auschwitz, Graphein/FN- DIRP 1999, Neuausgabe Un enfant à Aus- chwitꝰ, Verlag de IAtelier/FNDIRP 2008

Für die Druckgenehmigung danken wir der Mutorin, dem Ubersetꝰer aus dem Franꝰsi- schen Uhich Hermann sowie für die freund- liche Vermittlung Nicole Mullier vonCer- cle dõnude de la Peportution et de la Shoah Amicule d'Auschwitz. Insbesondere dan- ken wir Maurice Cling dafür, seine Erfah- rungen und Erlebnisse mit uns zu teilen.