Heft 
(2016) 2/2016. Dezember 2016
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30 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

Flüchtlingsfrage statt Menschenfeindlichkeitsfrage Herbeifantasierter Notstand

Trot? aller judenfeindlichen Aktionen im Deutschland der 1930er Jahre wurde damals in der õffentlichen Diskussion keineAntisemitismusfrage als Problem gesehen, son- dern eineJudenfrage ideologisch herbeifantasiert und im Denken der Mehrheitsge- Sellschaft verankert. So die Diagnose des damaligen Zeitzeugen Sebastian Haffner (1907 1999). Analog dazu ist heute in Deutschland in der õffentlichen Debatte trot? vieler fremdenfeindlicher Straftaten und Hasstiraden nicht von einerMenschen- feindlichkeitsfrage die Rede, sondern von einerFlüchtlingsfrage. Diese für die Demokratie gefährliche gesellschaftspolitische Entwicklung erläutert der Sozialpsy- chologe Harald Weker in einem Artikel, der erstmals im Magazin zeo2 wei(02/20160) erschien und dann im April dieses Jahres auch in der Berliner tageszeinung(taz) unter

dem JitelFlüchtlinge in Deutschland Herbeifantasierter Notstand.

Welzer zitiert die Teilnehmerin ein- er Konferenz:Dazusitzen, in diesem winderbaren Saal, zuzihören, wie die Vortreter von 32 Staaten nacheinander erklärten, wie furchthar gern sie eine größere Zahnl Fichtlinge aufnehmen wiirden und wie Schrecklich leid es ihnen tue, dass vie das leider nicht nun Könnten, war eine erschütternde Erfahrung.

Bei dieser Konferenz handelt es sich nicht um eine der EUStaaten in heutiger Zeit, sondern um die Konferenz im schweizerischen Fvian von 1938. Damals ging es darum, welche Staaten bereit wãren, Kontingente deutscher Ju den aufzunehmen, die im eigenen Land zunehmend entrechtet und ihres Hab und Guts beraubt wurden. Das Zitat Stammt von Golda Meir, der spãteren Ministerprãsidentin ISraels.

Fin Unterschied, s0 Welzer, besteht übrigens darin, dass sich heute viele der eigentlich zur Aufnahme verpflichteten Staaten nicht einmal dafür entschuldigen, dass sie der Genfer Füchtlingskonvention und meist auch der eigenen Verfassung zuwiderhan-

deln, sondern merkwürdig stolz darauf zu sein scheinen, sich gegen geltendes Recht zu stellen.

Die Nazis brachten es fertig, mit den Mden eine Menschengruppe mit dem Tode zu bedrohen, sich anderseits selbst und ihrearischen Mitläufer und die mehr oder weniger gleichgültigen Zuschauer als Opfer darzustellen. Nicht die Angreifer der Demokratie und des Rechts wurden so zum Problem erklärt, sondern deren potenzielle Opfer. Nichts anderes erlehen wir ju gerade am Beispiel der Fichtlinge, folgert Welzer. Nicht diejenigen, die vie abwehren, ah schiehen, ja vogar abschießen wollen, Sind das Prohlem, Sondern sie selbst, deren Zahl dringend verringert gehört. Die Maßnahmen, die vodann getroſfen werden, richten sich entsprechend auch nicht gegen die Menschenfeinde, ihre Rhetorik ind ihre Forderungen, Sondern gegen die Asybuchenden uind ſoilgen damit punkigenau den rechten Ausgren- zungsforderungen. Wir hahen mithin Keine Menschenfeindlichkeitsfrage, Son dern eine Niichtlingsfrage.