26 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Andreas Kilian im April 1994 in Monowitz mit einer Be- wohnerin und Zeitzeugin OThomas Hebler
nur zwei Mal zu Weihnachten zu Hause. Vor allem habe ich aber an gruppen- freien Wochenenden meine Oma in Wien, meine Verwandtschaft in Krakau und Warschau oder polnische Freunde z. B. in Przemysl, Lublin, Zabrze, Bytom oder Katowice besucht. Dafür besuch- ten mich deutsche Freunde zu meinem 20. Geburtstag und einmal meine Mut- ter mit ihrem Halbbruder.
Meinen Urlaub nutzte ich, um meine ASF-Kollegen und Kolleginnen in Irael, der Normandie, Rotterdam, Prag und Lublin zu besuchen. In meiner Freiwilli- genzeit kam ich mir durch meine Kon- takte und Reisen wie ein echter Weltbür- ger vor, obwohl„Globalisierung“ längst nicht den Stellenwert wie heute hatte. Ganz altmodisch haben wir in der Welt verstreuten Freiwilligen uns untereinan- der auch Briefe geschrieben. Internet hatten wir noch nicht. Bis ein Brief end- lich ankam, verging eine gefühlte Fwig- keit. Das Warten war für mich besonders schlimm, wenn der Brief von meiner Freundin war. Die Post kam an der Re- zeption der IIBS an. Die Rezeptionistin- nen machten sich immer einen Spaß dar-
aus, mich aufzuziehen, wenn ein parfümierter und mit Herzen bemalter Brief mei- ner Freundin ankam.
Meine Mutter schickte mir im ersten Jahr regel- mäßig riesige Fresspakete, die ich an der Post abholen musste. Einerseits waren die Gold wert, weil das Angebot in den Läden noch nicht s0 groß war, anderseits war es mir aber auch vor den Kolle- gen peinlich, die jedoch im— mer sehr neugierig waren was ich für Leckereien ge- Schickt bekam. Telefonieren konnte man zwar auch, das war aber ziemlich teuer und die Verbindung nicht immer gut. Meiner Mutter schickte ich ein paar Mal ein Fax, aber bis die Fax-Verbindung endlich stand, dauerte es jeweils bis zu eine Stunde, in der ich die Nummer im- mer wieder eingeben musste, weil die Wahlwiederholung nicht lange anhielt. In der Kommunikation verbrachten wir damals viel Zeit mit Warten und man konnte die Zeit auch nicht anders nut- zen. Manchmal wartete man umsonst.
Welche Beziehung hatte deine Familie zu Polen?
Meine Mutter wurde während des Krieges in Krakau geboren, meine Oma war Polin und im Ubrigen auch die ein- zige die sich dagegen gewehrt hat, dass ich nach Auschwitz gehe. Meiner Mutter Sagte sie damals, dass sie sterben würde, wenn ich nach Auschwitz ginge. Was ich damals nämlich noch nicht wusste war, dass meine Oma seit Sommer 1941 häu- fig die Strecke von Krakau nach Bohu- min zu meiner Urgroßmutter mit der Bahn fuhr und diese führte durch


