Heft 
(2016) 1/2016. September 2016
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9

Zur Autorenschaft der Sonderkommando-Fotografien

Von Andreas Kilian

Anfang August, wahrscheinlich aber noch Ende Juli 1944 entstanden auf dem Gelãnde des vierten Kremato- riums in Auschwitz-Birkenau mehrere illegale Fotografien vom Vernichtungs- proZess in der Todesfabrik. Zu sehen sind darauf Leichen vor einer Bin äscherungsgrube auf der Nordseite des Krematoriums, entkleidete Frauen auf dem Hof südlich des Krematoriums und Baumzweige. Laut dem Mitarbei- ter des Auschwit?- Museums Henryk Swiebocki, der sich in den 1900er Jah- ren eingehend mit der Thematik be- schäftigt hat, seien insgesamt sieben Negative belichtet worden. Veröffent- licht wurden bislang nur zwei von drei Fotos von den Verbrennungsgruben, eines von zwei Entkleidungsfotos sowie eines von zwei misslungenen Baumfotos, was zu der verbreiteten Annahme führte, dass insgesamt nur vier Fotos gemacht worden seien.

Dan Stone schrieb 2001 zur Bedeu- tung der Aufnahmen: Hinsichtlich der visuellen Aufxeichnung vind vie ⁊weifel- los die wichtigsten Dokumente, die wir haben. Tatsächlich sind die Aufnah- men auch die einzige bekannte und erhalten gebliebene fotografische Do kumentation der Massenvernichtung auf dem Gelände der Mordfabrik in Auschwitz-Birkenau. Aus technischen Gründen konnten sie nur Motive im

Freien dokumentieren. Die Fotografien entstanden nur wenige Wochen vor der Beseitigung der Verbrennungsgruben Anfang September 1 944. Seit Bekannt- werden dieser Quellen gehören sie zu den am häufigsten publizierten, inter- pretierten und kontrovers diskutierten Aufnahmen der Bildgeschichte von Auschwitz, Obwohl das schreckliche Beweismittel auch die Frage provozier- te, Ob und in welchem Kontext es ge- zeigt werden darf.

Finzelne oder mehrere Sonder- kommando-Fotografien wurden seit Kriegsende in Buchveröffentlichun gen, Bildbänden, Foto-Ausstellungen (Auschwilz. Bilder und Dolumente? in der Frankfurter Paulskirche Ende 1964 sowie in West-Berlin Anfang 1966), Präsenzausstellungen in Mu- seen(Z. B. in der ersten Ausstellung des 1947 gegründeten Auschwitz-Mu seums), in der Presse, in Hilm und Fernsehen(Alain ResnaisNacht und Nehel*, 1956, inHolocalist*, 1978, als SS-Foto ausgegeben) und sogar im Comic(Bearer of Secrets? von M. Galek und M. Pyteraf, 2013) gezeigt oder deren Entstehung rekonstruiert. Fin Foto wurde sogar seit 1952 im Mu Seum Auschwitz als Postkarte verkauft (S. Pawel S?ypulskis Fotobuch Gree- tings from Auschwitz, 2015). Vier Jahre zuvor war es bereits im vierspra- chigen 21 Fotos und Zeichnungen ent- haltenden Bildkartenband, Qwiecim-