6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Zeugin des Zeugen
Uber ein Familienleben mit Auschwitz nach der Befreiung
Vor 60 aufmerksamen Zuhörerin- nen fand am 29. Juni dieses Jahres im Kulturzentrum zakk Düsseldorf ein bewegendes Zeitzeuginnen-Gespräch Statt, das vom Bildungswerk Stanislaw Hantz(Kassel) organisiert und von Roland Vossebrecker einfühlsam mo- deriert wurde.
Nach 19 Monaten reiste die 77— jährige Italienerin Marika Venezia zum zweiten Mal nach Deutschland, um öffentlich über ihr Leben mit Auschwit? als Witwe des ehemaligen Sonderkommando-Uberlebenden Shlomo Venezia zu berichten.
Marika war regelrecht mit Ausch- wit? verheiratet. Sie bezeichnet sich Selbst als„Zeugin des Zeugen':„Jch hab gesehen, er wur immer ein bisschen traurig. Aber ich habe ihn nicht gefragt.“ Shlomo bezeichnete seinen Zustand im Dokumentarfilm SMlaven der Gas- ammer(SWR 2000) selbst als „Krankheit ohne Namen“. Doch man habe damals nicht darũber gesprochen, Sagt sie lakonisch. Eine Heilung für die Krankheit fanden sie auch nicht. 15 Jah- re lang habe sie nicht genau gewusst, was ihr Mann in Auschwit? gemacht habe. Erst später erfuhr sie langsam von seinen Aufgaben im Entkleidungs- raum des Krematoriums, den Räumun- gen der Gaskammer, vom Festhalten der Erschießungsopfer, Haareschnei- den der vergasten Frauen und Zer— stampfen der Knochenreste.„Jch Konnte das nicht einmal glauben. Jch
Marika Venezia und Roland Vossebrecker in Düsseldorf. Foto: Kilian 2016
hatte noch nie S0 etwus gehört(..) ind Konnte das nicht vemtehen*, kommentiert sie das Gehörte heute noch fas- sungslos. Ihre ₰
drei Söhne er-
fuhren von Shlo- mos Erlebnissen f 1
Sogar erst aus ei- ſitt nem 10-minüti- Shlomo Venezia(1923 gen TV-Beitrag. 2012) Aufnahme von Seine schreckli- 1997. Foto: A. Kilian
chen Alpträume, die Folgen seiner aus dem Lager stammenden TBC-Erkran- kung, seine Freudlosigkeit und Zurũckgezogenheit ertrug Marika wie eine unveränderbare Gegebenheit, aber sie räumt auch ein:„Es war fir mich Schwer als junges Mädchen.(..) Nie sind wir tanzen gegangen, nichts Verriicktes haben wir gemacht.“ Aber


