Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 21
ich es lesen, um einmal zu begreifen: Ich werde gesucht, Gott im Himmel, was will man noch von mir nach 44 Jahren? Es stellte sich heraus, dass man mich und meine 999 Lagerschwe- Stern einladen wollte. Um Verzeihung bitten, uns ein wenig verhätscheln wollte. Es war wie eine hingereichte Hand, man konnte kein Nein sagen. Auch weitere Uberraschungen folgten. Die Zahl der Einwohner, als wir Mitte Oktober 1945 Aendorf verließen, war 1500. Als wir 1900 wie- der dort waren, war aus Stadtallen- dorf eine richtige Stadt geworden. Man hat uns auf Deutsch freundlich angesprochen, zu unserem ehemali- gen Lager geführt, uns in unserem chemaligen Rüstungswerk die Stellen ge?eigt, wo wir gearbeitet hatten. Es war nicht das Deutschland, das wir verlassen hatten. Es war nach der Aus- einandersetzung mit der Vergangen- heit ein anderes Deutschland, worü- ber wir im sozialistischen Ungarn nichts gehört und gewusst hatten.
Seitdem bin ich mehrere Male auch nach Muschwit?z-Birkenau zurückgekehrt, mit dem Schuldgefühl, das alle Uberlebenden belastet:
Warum gerade ich??? Warum bin gerade ich am Leben geblieben???
Im Laufe der siebzig Jahre habe ich die Antwort gefunden: Weil ich ei— ne Zeugin bin, weil ich mir alles, was geschah, gut gemerkt habe, weil ich die Erinnerung an meine Erlebnisse der ganzen Welt übergeben muss.
Nach einem Schweigen von fast Sechzig Jahren ist es mein Lebensziel geworden, die Frinnerung an Ausch- wit?-Birkenau nicht auslõschen zu las-
sen. Für die Zeit, die noch übrig bleibt, ist es eine würdige Aufgabe.
Die Asche der Ungezählten im echemali- gen Sumpf von Ausch- wit?-Bir- kenau, dar- unter die Asche von neunundvierzig Mitgliedern meiner Großfamilie, die meiner Mutter Irma und meiner klei- nen Schwester Gilike, diese Asche verpflichtet. Die Asche hat mir und meinen überlebenden Lagerschwe- stern und Lagerbrüdern die Verant- wortung übertragen, die Erinnerung an die Toten zu bewahren.
All denen, die im Sumpf von Auschwitz-Birkenau ruhen, den Juden, den Sinti und Roma, den Polen, den Russen, den Frauen und Männern des Widerstandes aus allen Ländern Buropas, allen, die kein würdiges Be- gräbnis hatten, die nicht von weinen- den Familienmitgliedern zum Grab begleitet wurden, weil es kein Grab gibt, ihnen sei hier das let?te Wort ge- Sprochen:
Heute, nach siebzig Jahren, wendet sich die ganze Welt mit Scham und Mitleid zu Euch!
AKLMW HASFHALOM* NVUGODAOK BEKEBEN“ RFOUIESCATIE IN PAEM* RUHET BEHUTEIT UND IN FRIEFDEHN BIS ZUR EWIGKETT!“*


