22 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Wenn die Seele ohnmächtig wird Trude Simonsohn hatte viele Chancen, tot zu sein?
Unerwartet groß war der Andrang beim Holocaustgedenken in Butzbach (Wetteraukreis) am 27. Januar 2015, als die Auschwitz-Uberlebenden Trude Simonsohn über ihr Verfolgungsschicksal und die Frinnerung an ihre ermor-
deten Eltern berichtete.
Damit hatten die Lagergemein- Schaft Alschwitz- Hreundeskreis der Aschwitzer und die Stadt Butzbach als gemeinsame Veranstalter nicht gerechnet! Geschätzte 200 Besuche- rinnen und Besucher- Jugendliche, Erwachsene und auch betagte Senio- reninnen und Senioren- drängten sich im Saal des Butzbacher Muse- ums. Für die Empore und die Seiten- gänge wurden zusätzliche Stühle ge- holt, trot?dem mussten einige Zuhö- rer sich mit Stehplãtzen auf der Tep- pe begnügen.
Neithard Dahlen vom Vorstand der Ldgegemeinschaft und Butzbachs Bürgermeister Michael Merle be- grüßten das Publikum und neben Trude Simonsohn namentlich auch Monik Mlynarski und Manfred de Vries als Vertreter der jüdischen Ge- meinden in der Wetterau.
Aushn wilz geht uns alle an- helte ind morgen, nicht nur an Gedenita- gen*, zitierte Merle aus der Rede, die Bundeskanzlerin Merkel am Tag zu- vor in Berlin bei einer Veranstaltung des Internationalen Auschwitz-Komi- tees gehalten hatte.
Zu den Klängen einer Bach-Kan- tate, die von Voki Miller(Oboe) und Petra Jähle(Akkordeon) intoniert
wurde, las Dahlen die Erklärung PErhe antreten- Vermächtnis weitertragen vor, die von verschiedenen Lagerge- meinschaften, Komitees und Verbän- den ehemaliger KZ-Häftlinge anläss- lich des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwit? verfasst wurde. Die Quintessen? dessen habe der Ausch- witz-Uberlebende und Literaturno- belpreisträger Elie Wiesel mit den Worten formuliert, dass diejenigen, die einem Zeugen zuhören, selbst zu Zeugen werden.
Dann hatte Trude Simonsohn das Wort, die mit ihren 93 Jahren klar und geradlinig zu erzählen begann. Jch hatte viele Chancen, tot zu Sein. Jch hal- 1e Oliick, trotz allem*, hat sie ihr Leben in ihrem 2014 erschienen Erinnerungs- buch Noch ein Olick zusammenge- fasst. In einer gutsituierten Familie zweisprachig(deutsch und tsche— chisch) aufgewachsen, ist ihr Antisemi- tismus erstmals 1938 im Englischun- terricht begegnet. Damals hatte in frei- er Auswahl eine Mitschülerin einen Artikel aus dem Nazi-Hetzblatt Der Srürmer übersetzt, in dem die Englän- der dafür geschmäht wurden, weil sie die Juden als Menschen anerkennen, während dies einem“guten Deut-


