Heft 
(2015) 1/2015. Dezember 2015
Einzelbild herunterladen

20 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

deswegen noch mehr Herabset?ung und Misshandlung erleiden.

Man muss auch über die Latrinen sprechen. Es mangelte an Latrinen. Stattdessen gab es den Kübel, der let?tens in die Latrine zu schütten war. Er durfte nicht umkippen, nicht überschwappen. Der Kübel wusste es nicht, er Schwappte, kippte um, auf un- sere Hände, Füße, auf die Fetzen, die wir anstelle von Kleidern trugen. Es gab keine Seife, kein Handtuch, und, wie gesagt, kein Wasser. Es gab nur die Pemütigung und die Schande.

Wir haben überlebt, es muss darü- ber gesprochen werden.

Wasser gab es keines, aber dort war der Sumpf! Wir Uberlebenden von Muschwit?-Birkenau sprechen über unser Leben und über unsere Toten, wenn wir über den Sumpf spre- chen.

Der eine Jatort des ungarischen Holocaust in Auschwitz-Birkenau war das Frauenlager BII. b, an einem Ufer des Sumpfes. Wir, die dort im Staub auf dem Boden saßen und Brand- flecke von der Sonne erhielten, mus- Sten manches erlernen:

Vorerst, dass der Sumpf kein Trinkwasser war, auch wenn der Mund vollkommen ausgetrocknet war, die Zunge am Gaumen festkleb- te, und man nicht wusste, wie man die nächste Sekunde überlebte.

Nicht einmal Hände und Gesicht durfte man sich im Sumpf waschen.

Man musste sogar allen Kontakt mit ihm vermeiden.

Weil der Sumpf verseucht war.

Er war nur da, um unsere Qualen

zu verstärken und um am anderen Ufer die Asche unserer Geliebten, die Tag und Nacht, ununterbrochen, aus vollen Lastwagen in den Sumpf ge Schüttet wurde, zu verschlingen. Der Sumpf ist schon längst trocken gelegt worden. Die Asche all derer jedoch, die in den Gaskammern ungezählt er- mordet und in den Krematorien ver- brannt wurden, ist dort geblieben.

Sechr gechrte Damen und Herren!

Am 12. August 1944 wurden im Lager BII.b 1000 Frauen selektiert, um in dem Rüstungswerk Dynamit M. G., versteckt im Herrenwald von Allendorf, Sklavenarbeit zu leisten. Wir wurden fotografiert, man sieht uns im Auschwitz-Album, als wir am nächsten Tag, am 13. August 1944, in Waggons nach Allendorf verladen werden. Ich war 19 Jahre alt.

Ein Mensch hält mehr aus als ein Pferd. Ein Pferd trinkt aus keinem Fimer, der nach Chemikalien stinkt oder verschmutzt ist. Ich weiß es, weil ich zwischen vielen Pferden, die mein Großvater gezüchtet hatte, aufge- wachsen bin.

Wir tausend Frauen im Rüstungs- werk haben keine Wahl gehabt. Mit Trinitrotoluol und Salpeter sind wir ohne Schutzmittel umgegangen, als wären sie Zucker und Mehl. Unser Glück war die Befreiung durch die Alliierten am 1. April 1945.

Es war 1989, das Jahr des ungari- schen Aufbruchs, als in sämtlichen un- garischen Zeitungen ein Aufruf er Schien: Per Magistrat von Studtullen- doyf vlicht die ehemaligen Häftlinge der Münchmihle. Zweimal musste