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(2015) 1/2015. Dezember 2015
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 19

hung sprechen. Unsere Toten kom- men nicht zurück, ob wir uns versöh- nen oder nicht.

In unseren Herzen dominiert der Schmerz, auch nach 70 Jahren. Uns Selbst ist der Tod schon nahe und wir können immer noch den unwürdigen Tod unserer Vorgänger nicht verges- sen. Die unnatürliche und unmensch- liche Weise, wie es geschah. Während sieben langen Jahrzehnten haben wir gelernt, mit unseren Fraumata zu leben.

Die Zeit hilft nicht, sie vertieft nur das Mangelgefühl. Und weil es um Traumata geht, kommt man immer wieder dorthin zurück. Als ob man je- manden ermordet hätte, wie Raskol- nikow bei Dostojewski in Verbrechen und Strafe. Die Wunde heilt nicht, sie ist immer neu, wenn man ihr begeg- net. Die Frage ist nur, wie oft. Und man ist sofort wieder dort. Bei der Gebärde, bei dem kleinen Wink von Mengele: links, rechts. Als es geschah, wusste man nicht, dass alles zu Ende war. Dass man alles verlor. Die Fami- lie, damit die gemeinsame Vergangen-

Mai 2015 in Butzbach: Eva Fahidi-Pusztai mit Bürgermeister Michael Merle und Manfred de Vries(Jüdische Gemeinde).

heit, die gemeinsame Zukunft. Die Wurzeln wurden herausgerissen, nicht einmal ein Grab ist geblieben.

Wenn wir an die Be-

freiung von Auschwit?- Birkenau denken, müs- Sen wir Primo LeEvi be- nennen. Er war dort. Er hat, wie durch ein Wun- der, die entsetzlichen letzten Tage an Ort und Stelle überlebt. Er beschreibt in seinem Buch Jt das ein Mensch, wie die 88 das Lager verließ und nicht mehr funktionierte. Es gab keine Heizung bei einer Jemperatur von minus 20 bis 30 Grad, es gab überhaupt keine Ver- pflegung, keine Versorgung, und, man kann sagen, wie immer, war auch kein ausreichendes Wasser in Auschwitz- Birkenau vorhanden. Primo Levi hat den Wassermangel im Winter erlebt. Wir, die ungarischen Juden, 1944 im Sommer.

Wir sprechen über unser Leben, wenn wir über Wassermangel in Ausch- wit?-Birkenau sprechen. Es geschah nichts Besonderes. Es war einfach nur Sommer. Es waren die siebenundfünf- zig Tage der Deportation der jũdischen Ungarn nach Auschwitz-Birkenau. Den ungarischen Behörden war es sehr dringend gewesen, uns los zu wer- den, trot? Kriegswirtschaft fand man schnell die nötigen 147 Züge, im Durchschnitt mit 3000 Personen je Zug. Das Tempo der Deportation war für das KLager Zu geschwind. Nichts war vorbereitet. Wir, die auf der Rampe zum Leben verurteilt wurden, mussten

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