18 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
zitternder Stimme,“wir bleiben zu— mmen, wir vind jung, vurk und ge- vund, wir zusummen werden Heißig ar- heiten und die Kleine Zeit bis zum Kriegsende liberstehen.“ Es hat kei— nen weiteren Tag gebraucht, dass wir auseinander gerissen, meine Mutter und meine kleine Schwester vergast und verbrannt wurden.
Schnell kam die Zeit, als wir um unser eigenes Leben Angst haben mussten. Die Lebensgefahr in jeder Sekunde in Auschwit?-Birkenau spür- te man eigentlich nicht. Die Angst Steckte doch in jeder Ecke und war eil jeder Sekunde. Und der Hass ebenfalls. Wir, die Häftlinge von Auschwitz-Birkenau, wir waren ver- hasst. Alles, was mit uns geschah, von dem ersten Atemzug in der von bren- nenden Leichen stinkenden Luft, bis zum Schlaf auf dem kahlen Boden der halbfertigen Baracken, war mit Her- absetZung verbunden. Man wollte uns zur Kenntnis geben, dass wir nichts auf der Erde zu suchen hätten, dass wir vollkommen überflüssig seien, dass es nichts so sehr Verfluchtes gä- be, als unser elendes Leben, und dass es nur eine Frage der Zeit sei, dass wir So oder so umgebracht würden. Sehr jung, und mit sehr festem Selbstbe- wusstsein verscehen musste man sein, um Zu überleben.
Und doch. Im Namen fast aller Zeit?eugen kann ich sagen: Heute hassen wir niemanden mehr! Wir wis- sen, wie der Hass die menschliche Seele zerstört. Wir wollen nicht mehr hassen, wir lassen uns nicht demorali- sieren, wir stehen weit darüber. Das ist unser trauriger Trost.
Wie ich gesagt habe, hassen wir, die Uberlebenden, niemanden mehr. Aber Versöhnung?
Ich kann mich nur für meine eige- ne Person äußern, nicht im Namen meiner Toten. Meine kleine Schwester Gilike war elf Jahre alt. Ein lebens- lustiges Kind in Debrecen, einer klei- nen Stadt in Ost-Ungarn. Ich sche sie zu Hause, wie sie im Garten lustig her— umsaust. Sie hat genau so einen deut- Schen Schäferhund wie die SS. Der Hund von Gilike hieß Muki. Ich sehe Gilike bei der Ankunft nach Ausch- wit?Birkenau, wie sie sich erfreut bei dem Anblick der vielen schönen ge- pflegten Hunde, bei den Wachmän- nern auf der Rampe und auf dem Weg zum Krematorium. Freundlich wollte Sie einen streicheln. ei voichtig“, musste Mutti warnend sagen.“Cih acht Gilike, der ist nicht dein Mulki.?
Meine Mutter war 39 Jahre alt. Ein Musterbild einer Dame. Sie kam nicht irgendwo an, sie erschien. Ich stelle sie mir in der Gaskammer vor, zusammengepresst mit vielen ande- ren, an der Hand Gilike. Ich sehe sie in der Sekunde, als sie wahrnimmt, dass sie jet?zt ermordet werden. Was war ihr letzter Gedanke?
Und mein Vater, und die Großel- tern, Cousinen, Onkel, TJanten, wollten sie nicht alle noch ein Leben haben, die Jungen nicht Väter und Mütter werden, die Alten sich nicht an ihren Enkelkindern erfreuen? Wen haben unsere Toten beauftragt, zu verzei- hen?
Wir ehemaligen Häftlinge aus Auschwitz-Birkenau sprechen über unser Leben und über das Leben un- serer Toten, wenn wir über Verzei-


