6 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Das Fremde in dir
Lie ber Hermann,
es ist jet?t schon fast 35 Jahre her, dass ich Dir begegnet bin, und du bist Schon vor 20 Jahren gestorben. Wir ha- ben uns Briefe geschickt, jetzt kommt noch ein verspäteter dazu. Dass ich Dich Freund' nenne, erschreckt mich fast. Es gab etwas unüberwindbar Fremdes, Anderes in Dir, an dem ich nur von außen teilnehmen konnte. Du warst Auschwitzhäftling. Es war kaum auszuhalten, was Du mir alles erzählt hast, als wir während der langen Bus- fahrt nach Auschwit?z unterwegs wa- ren. Ich hatte Dir, dem Menschen aus dem politischen Widerstand in Oster- reich, erzählt, dass ich als junger Stu— dent in Wien einen ganzen Tag mit Ubelkeit zu kãmpfen hatte, als ich zum ersten Mal in der Universitätsbiblio- thek von den Grãueln in Auschwit?z ge- lesen hatte, zu einer Zeit, als in Deutschland noch ein großes Schwei- gen herrschte.
Ich habe danach viel Zu Auschwitz gelesen. Du aber ließest nicht locker:
Du wolltest mich mit nichts verscho- nen. Deine Schreckensberichte aus dem Strafbataillon mag ich bis heute nicht wiedergeben. Wir übernachteten im selben Zimmer in Krakau. Du sag- test: Jch brauche einen, der mir zuhört.“ Ich habe von Dir erfahren, wie die geheime politische Wider- standsgruppe Dir zu einer Verset?ung in die Schreibstube im Krankenbau verholfen hat, wo Du massenweise fin- gierte Todesursachen schreiben muss- test. Einen schwerkranken politischen Freund hast Du dort wochenlang vor der Selektion für die Gaskammer be- wahrt, indem Du Karteikarten ver- tauschtest. Pann kam die geheime An- weisung: Wir können ihn nicht mehr halten, es ist zu gefährlich. Da habest Du ihn freigeben müssen. Der letzte Blick, den der Freund dir beim Ab- transport Zugeworfen habe, das sei fast das Schlimmste in deiner Frinnerung.
Beim Gang durch das Stammlager zeigtest Du mir im Todesblock 11 die Stehbunker und den Hungerbunker, in dem auch Maximilian Kolbe frei- willig Starb, mit dem von Hingernägeln


