36 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Das dritte und vierte Kapitel von „Sonderbehandlung“ wurde gleich in deutscher Sprache verfasst und in den folgenden Jahren von dem Richter Dr. Helmut Freitag literarisch bear- beitet sowie emotional entschärft. Der deutschen Nachkriegsgesell- schaft wollte man offenbar nicht zu viel zumuten. Frinnerungsberichte anderer Uberlebender im gleichen Zeitraum, die im Ausland publiziert wurden, hatten da einen anderen, vor allem anklagenden Ton. Müllers Ab- sicht war dies hingegen nicht.
Filip Müller brauchte insgesamt 15 Jahre für die Abfassung seiner außer- gewöhnlichen Erinnerungen und ar- beitete davon sieben Jahre intensiv an der deutschen HFassung. 34 Jahre nach seiner Befreiung wurde seine autobio- graphische Erinnerungsschrift„Son- derbehandlung“ erstmals in Großbri- tannien, den USA und Deutschland verõffentlicht und õffentlichkeitswirk- sam als„einzigartiges Dokument“ und als„Zeugnis des einzigen Man- nes, der das jüdische Volk sterben sah und ũberlebte, um zu berichten, was er gesehen hat“ vermarktet.
Im Jahr 2006, Zwanzig Jahre nach- dem Müllers Buch bereits vergriffen war, erhob der ein Jahr vor Müller verstorbene Sonderkommando- Uberlebende Shlomo Venezia mit sei- nem aus Interviewteilen zusammen- geset?ten Zeugenbericht den An- spruch„das erste umfassende Zeug- nis eines Uberlebenden“ vorgelegt zu haben, als wenn Filip Müllers Hinter- lassenschaft bereits in Vergessenheit
geraten wäre. So wird Altes immer wieder neu„erfunden“.
Doch der Weg zur Veröffent- lichung von„Sonderbehandlung“ war steinig: Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz machte bereits im April 1977 in verschiedenen Rundfunksendun- gen auf das 300 Schreibmaschinensei- ten umfassende Manuskript Müllers aufmerksam, jedoch ohne Resonanz. Er erinnert sich:„ Uherall, wo ich bis- her das Manuskript zum Drick emp- fahnl vtieß ich auf die gleiche Realction. Man veyspricht vich geschäftlich gar nichts von einer Auflage.“
Erst Zwei Jahre später hatten Zwe- ren? Bemühungen Erfolg, Anfang Juli 19790 wurden Filip Müllers Uberleben- denmemoiren im Münchner Verlag Steinhausen veröffentlicht und im April 1980 schließlich vom Bertels- mann-Verlag mit einer Gesamtauflage von etwa 100.000 Fxemplaren heraus- gegeben. Müllers Erinnerungsbericht erschien jedoch nicht etwa erstmals in der deutschen Originalausgabe, son- dern in englischer Ubersetzung. Die britische Ausgabe wurde Mitte Mai 1970 unter dem Titel„Auschwilz Infer- no. Vhe testimony ofa Sonderkomman- do“ im Londoner Verlag Routledge& Kegan Paul veröffentlicht, die UsS- amerikanische Ausgabe erschien Ende Mai 1970 unter dem Titel„Ehewitness Aischwitz. Three yeurs in ihe gas cham- heys at Alschwitz“ im New Vorker Ver- lag Stein& Day. 20 Jahre später wurde „Nye wilness Auschwitz* im September 1999 erneut im Ivan R. Dee-Verlag, Chicago, in englischer Sprache aufge-


