Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 35
Gorges jedoch bis zu seinem Tod im Jahre 1971 nahezu unbehelligt.
Mitte der 1970er Jahre erkannte Müller den ehemaligen Chef der Bir- kenauer Krematorien, Peter Voss, in einem deutschen Kurpark wieder, doch völlig paralysiert konnte er da- mals die Verfolgung nicht mehr auf— nehmen. Voss wurde für seine Verbre- chen in Auschwitz nie belangt, er starb ungefähr ein Jahr nach der zufälligen Begegnung mit Müller. Gelegenheit, seinen ehemals in den Krematorien eingesetzten SS-Peinigern vor Gericht gegenüberzutreten, hatte Müller jedoch nie. Er blieb Belastungszeuge für andere Repräsentanten des Ver- nichtungslagers. Die wenigen zwi- schen 1945 und 1950 überhaupt ange- klagten SS-Angehörigen des Krema- toriumspersonals wurden zum Teil wegen Verbrechen in anderen Lagern verurteilt, insgesamt wurden fünf Todesurteile gegen Führungspersonal der Auschwitzer Krematorien voll- Streckt, das letzte in der DDR am 4. 11.1950 gegen den ehemaligen Kre- matoriumsleiter Karl Fritz Steinberg.
Das umfassende historische Zeugnis
Nach seiner Emigration in die BRD im Jahr 1960 befasste Filip Müller sich erst- mals ernsthaft mit einer Veröffent- lichung seiner Frinnerungen und muss- te dort auch keine Zensur durch die polnisch-kommunistisch geprägte Ge- Schichtsdarstelung von Auschwitz, die den jüdischen Widerstand im Sonder- kommando herunterspielte und die Rolle der polnischen Funktionshäft-
Eingangstor?um Hof von Block 13, Fotoarchiv Kilian, O A. Kilian 1994
linge beschönigte, fürchten. Das erste und Zweite Kapitel seines Berichts wur- de um das Jahr 1972 in Ischechisch nie- dergeschrieben und anschließend ins Deutsche übersetzt. Pabei seien Müller zufolge über hundert Seiten seines Er- innerungsberichts wieder gestrichen worden, weil er befürchtete, dass ihm die darin beschriebenen Freignisse nie- mand glauben würde.
Nach Gideon Greifs Veröffent- lichung„Wir weinten tränenlos“ (19935) von Interviews mit sieben ehe- maligen Häftlingen des Sonderkom- mandos wãre dies sicherlich nicht ge— schehen. Doch für Müllers Zeugen- schaft schien die Leserschaft noch nicht bereit.


