Heft 
(2012) 1/2012. Dezember 2012
Einzelbild herunterladen

Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9

tig. Verkehrte Welt, oder nicht?! Bin ich übersensibilisiert?

In Krakau hinterließ das Museum in Schindlers Fabrik bei mir ebenfalls schräge Findrücke: Mir offenbarte sich eine Touristenschleuse, geprägt von Attraktionen mit tollen Geräu schen und etlichen bunten Bildern. Viele einfache Botschaften, die man beinahe wie eine Fernsehdokumenta- tion distanziert konsumieren konnte, wurden vermittelt und das, obwohl dieses Museum in Schindlers Fabrik untergebracht worden ist, in der Zwangsarbeiter sich vor gar nicht all- zu langer Zeit totarbeiten mussten. Am Mythos des einsichtigen Fabrik- herren, der gegen Ende des Krieges seine ihm zugewiesenen Zwangsar- beiter befreite, wurde bei mir gerade so genug gerüttelt. Wer sich zur eige- nen Bereicherung und überhaupt mit der S8 bewusst eingelassen hat, ver- dient meiner Meinung nach keinerlei Heroisierung, wie sie ihm oft zuteil wurde und wird.

Die Fahrt hatte trot? alledem sehr viel Positives hinterlassen: An den Abenden saßen wir in der Gruppe zu- sammen und besprachen vieles von dem, was wir am Jag erlebt hatten. Während der verschiedenen und durchweg guten, aber für mich sehr anstrengenden Führungen im Stammlager Auschwit?z, in Birkenau und in Monowit? war dafür wenig Zeit geblieben. Krakau gestaltete sich dies betreffend als weniger problema- tisch, auch weil das Stadtbild eine ganz andere Atmosphäre hergibt.

Im Unterschied zu meinem er- wähnten Besuch in Buchenwald,

währenddem ich abends viel trank, nur um zurechtzukommen, fing einen nun die Gruppe auf. Wir kamen nicht nur über den Jag ins Gespräch, son- dern lernten uns besser kennen. Wir erfuhren die verschiedenen Beweg- gründe, an einer solchen Fahrt teilzu- nehmen. Die Zusammensetzung war heterogen, was mir persönlich sehr gut gefiel. Davor war ich immer nur von Gleichaltrigen umringt gewesen. Die Teilnehmerlnnen waren zwischen 21 und 67 Jahren alt, und es herrschte ein reger Austausch. Das machte die Fahrt zu einem wichtigen Punkt in meiner Biographie: Es Zzählt nicht nur, dort gewesen zu sein, es zählt vor allem der Umgang damit.

Ptwas quält mich seitdem aber. Mir wurde klar, dass Erinnerungspoli- tik unheimlich wichtig ist, gerade weil ich deren Verkörperungen plastisch vor mir hatte. Ich musste an eine Auf zeichnung des Richtfests des Holo caust Memorials in Berlin denken, welches ganz unter dem Motto ablief, dass nun endlich die Schuld vom deutschen Volk abfallen würde, und man getrost in die Zukunft gehen könnte, und im Ausland nicht mehr als die Nazis bezeichnet zu werden und So weiter. Das war alles gestern und hat angeblich mit dem Heute nichts mehr zu tun. Zumindest in Deutsch- land wehrt man sich kaum noch gegen das Frinnern an die Shoah. Ganz im Gegenteil, neuere nazistische Strö mungen verurteilen sie sogar.

Führt die Schuldanerkennung zum Gefühl der Schuldentlastung? Verhält es sich s0, dass ein sich als Deutscher definierender Mensch auf die Dichter