Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 8
Es ist noch nicht zu Ende Die„Ortschaft“ Auschwitz-Birkenau
Stimmen. Fin Omnibus ist vorge- fahren und Kinder steigen aus. Die Schulklasse besichtigt jet?t die Ruinen. Fine Weile hören die Kinder dem Leh- rer zu, dann klettern sie auf den Steinen umher, einige springen schon herab, la- chen und jagen einander, ein Mädchen läuft eine lange ausgehöhlte Spur ent- lang, die sich neben Schienenresten über ein Betonbruchstück erstreckt. Dies war die Schleifbahn, auf der die toten Leiber zu den Loren rutschten. Zurückblickend auf meinem Weg Zzum Frauenlager sche ich die Kinder noch zwischen den Bäumen und höre, wie der Lehrer in die Hände klatscht, um sie Zzu sammeln.
Im Augenblick, in dem die Sonne versinkt, steigen die Bodennebel auf und schwelen um die niedrigen Ba- racken. Die Türen stehen offen. Irgend- wo trete ich ein. Und dies ist jetzt so: hier ist das Atmen, das Flüstern und Rascheln noch nicht ganz von der Stille verdeckt, diese Pritschen, in drei Stock- werken übereinander, an den Seiten- wãnden entlang und entlang des Mittel- teils, sind noch nicht gan? verlassen, hier im Stroh, in den schweren Schat- ten, sind die tausend Körper noch zu ahnen, ganz unten, in Bodenhöhe, auf dem kalten Beton, oben, unter dem schräg aufsteigenden Dach, auf den Brettern, in den Fächern, zwischen den gemauerten Tragwänden, dicht anein- ander, sechs in jedem Loch, hier ist die Außenwelt noch nicht ganz eingedrun- gen, hier ist noch zu erwarten, daß es sich regt da drinnen, daß ein Kopf sich hebt, eine Hand sich vorstreckt.
Doch nach einer Weile tritt auch
Der Schriftsteller und Maler Peter Weiss(1916 1982) beendete mit den hier gedruckten Passagen seinen Iext „Meine Ortschaft“. Im Jahr 1965 hat- te ein Verleger mehrere Autoren auf- gefordert, den für sie wichtigsten Ort zu beschreiben. Die meisten schilder- ten die Stadt ihrer Jugend oder einen Ort, an dem sie etwas Eindruckvolles selbst erlebt hatten. Peter Weiss fuhr erst nach der Aufforderung des Ver- legers an die Ortschaft, in der er nie zuvor war, aber„für die ich bestimmt war und der ich entkam“. Er hatte keine andere Bezichung zu ihr,„als dass mein Name auf den Listen derer stand, die dorthin für immer übersie- delt werden sollten“. Zwanzig Jahre danach hat er Auschwitz-Birkenau besucht und diese Ortschaft als„un- veränderlich“ empfunden:„Ihre Bauwerke lassen sich mit keinen an- deren Bauwerken verwechseln“, Schrieb er in seiner subjektiven Be- standsaufnahme.
hier das Schweigen und die Erstar- rung ein. Pin Lebender ist gekommen, und vor diesem Lebenden verschließt sich, was hier geschah. Der Lebende, der hierherkommt, aus einer andern Welt, besitzt nichts als seine Kennt- nisse von Ziffern, von niedergeschrie- benen Berichten, von Zeugenaussa- gen, sie sind Teil seines Lebens, er trägt daran, doch fassen kann er nur, was ihm selbst widerfährt. Nur wenn er selbst von seinem Tisch gestoßen und gefesselt wird, wenn er getreten und gepeitscht wird, weiß er, was dies


