10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
re Dolmetscherin,„das sind Knochen- reste“. An den Teppen hinunter zum Auskleideraum liegen einige vertrock- nete Rosen. Die Welt um mich ver- Schwimmt. Plötzlich höre ich, wie der alte Jude die Kaddish mit tragender Stimme singt, danach tut sein Sohn dasselbe.
Ich danke den beiden und gehe der Gruppe nach zur„Sauna“. In diesem riesigen roten Gebäude fand die Auf— nahmeprozedur für diejenigen statt, die nicht sofort ermordet wurden. Im let?ten Raum ist eine sehr anrührende Ausstellung mit Familienfotos der De- portierten.
Noch ein Krematorium liegt am Weg, dessen Metallgerippe noch teil- weise Zu Sehen ist, dann ein idyllisches Wäldchen. Schwarzweißfotos zeigen, dass hier viele Menschen warten mus- sten, wenn die Gaskammern überfüllt waren.
Am Nachmittag sind wir wieder im Stammlager, das gegen Birkenau jetzt fast klein und harmlos wirkt. Gleich hinter dem Tor mit dem Schlagbaum, über dem„Arbeit macht frei“ steht, in Block 24, arbeitet Lucyna Filip im Archiv. Sie erklärt uns zuerst den Auf— bau der Sammlung, dann können wir Selbst viele Dokumente als Kopien an- schauen. Mir hat sie eine abfotogra- fierte Version der Transportliste„Eq“ aus Theresienstadt bereitgelegt.
Max Block hat die Nummer 1131, ein Häkchen an seinem Namen zeigt, dass er den Transport angetreten hat- te. Weitere Informationen über ihn gibt es nicht im Archiv Auschwitz. Trotzdem, mir kommt die Liste vor wie ein Schat?.
In der Nacht gehe ich noch einmal
nach Birkenau, Fotos machen. Die La- gerstraße mit der Rampe ist von oran- gen Bogenlampen schwach erleuchtet. Weit nach rechts in Richtung Kom- mandanturgebäude bellen Hunde den Mond an, und(als würde es eines sol- chen Klischees noch bedürfen) von hinten klingt das Rattern eines heran- nahenden Güterzugs.
Ich gehe den äußeren Begren- zungszaun lang und mache immer wie- der Fotos, die Belichtungszeiten kom- men mir irre lang vor, ich hoffe, dass meine Hand nicht Zu sehr zittert. Am Ende des endlosen Launs ist ein Tor, durch das wir heute mittag hinausgin- gen. Es steht offen. Mit klopfendem Herzen gehe ich in das nãchtliche Ver- nichtungslager. Schwarz ragen die Holzbaracken am Weg, den ich nun auf der anderen Seite des Zauns wie- der zurückgehe, bis ich wieder an der großen Lagerstraße bin. Der Himmel hinter den Baracken ist fahlrot, Ge- witterstimmung. Jet?zt den Gleisen nach. Es fängt an zu trõpfeln. Am Ort der Selektionen sind zwei kleine Grablichter direkt bei den Gleisen. Am Krematorium Nr. 2 ist ebenfalls ein Licht, das von zusammengestellten Ziegelsteinen gegen den Wind ge- Schützt ist. Ich lege den kleinen Strauß Rosen, den ich mitgebracht habe, vor die Gaskammer. Finen Moment ver- lässt mich die Anspannung, ich spüre nur noch Ruhe und Trauer. Ich gehe vorsichtig um das zerstörte Kremato- rium herum und komme zu dem schwarzen Sumpfloch, das der Voll- mond bescheint, um es dadurch noch schwärzer wirken zu lassen. Ich sehe hoch über die Pappeln zum Himmel. Du hast ein Grab in den Wolken...


