32 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Sascha Feuchert: Zum neuen Buch von Gõtz Aly: Im Tunnel.
Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943
Gõᷓt? Aly bleibt auch in seinem neu- esten Buch seinen diversen Berufen treu: Der habilitierte Politologe, Histo- riker und Absolvent der Deutschen Journalistenschule mit späterer Tätig- keit als Redakteur bei der„taz“ und der„Berliner Zeitung“ hat mit„Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943“ eine klassische(hi- Storische) Reportage vorgelegt.
Im November 2002 erhielt Aly die Mitteilung, dass er mit dem„Marion- Samuel-Preis“ der„Stiftung Frinne- rung“(Lindau) ausgezeichnet werden Sollte- und seine Neugier war ge- weckt: Von der Auszeichnung, deren erster Häger immerhin Raul Hilberg war, hatte Aly schon gehört, doch: Wer war die Namensgeberin dieses Prei- ses? Viel fand er nicht, als er recher- chierte: Bezeichnenderweise stieß Aly auf einen eigenen, mittlerweile verges- senen Artikel im Internet. Was er da las, konnte ihn nicht befriedigen: „Dort stand spekulativ, aber, wie ich heute weiß, richtig: Marion Samuel wird- schon wegen ihres Mters-, un- mittelbar nach der Ankunft' in Ausch- witz mit Zyklon B vergiftet worden Sein'. Ihr Vater wird in einem der Ber- liner Betriebe als einer der so genann- ten Rüstungsjuden Zwangsarbeit ver- richtet haben. Sie wurden damals ge- gen junge Polen ausgetauscht, die nach Berlin deportiert wurden.““ Auch von den Preisstiftern, Walter und Ingrid Seinsch, war nicht mehr zu erfahren: Sie hatten den Namen des jüdischen Mädchens aus dem Gedenkbuch für die deportierten deutschen Juden aus- gesucht: Mehr als das Geburtsdatum
und den Tag ihres Abtransports von Berlin nach Auschwit?z konnte man dort nicht entnehmen- gerade auch deshalb wurde Marion Samuel ausge- wählt, die so Hunderttausende ermor- dete jüdische Kinder, über die kaum etwas bekannt ist, symbolisiert.
Aly nahm sich vor, diesem Kind sei- ne Geschichte zurückzugeben. Mittels Zeitungsannoncen fahndete er nach Bekannten und Verwandten, recher- chierte in Washington, suchte in Arol- sen beim Suchdienst des Roten Kreu- Zes: Was er ermittelte, blieb wenig, doch entstand eine erzählbare Geschichte. Die Familie des Vaters Ernst stammte aus Ueckermünde in Vorpommern: Seine Eltern betrieben dort ein Laden- geschäft, das bald den neuen Machtha- bern in die Hände fiel. Die Familie wurde in alle Winde zerstreut, einigen gelang die Flucht, die meisten wurden im Holocaust getötet. Nicht viel anders erging es der Familie der Mutter Cilly: Ihr„Berliner Warenhaus“ in Arnswal- de mussten sie an die örtliche Sparkas- se verkaufen, die Familie zerfiel ebenso in ihre Bestandteile. Ein Bruder Eillys konnte noch rechtzeitig nach Amerika auswandern, eine Schwester überlebte in Deutschland mit viel Glück, weil sie mit einem Christen verheiratet war. Der Rest auch dieser Familie wurde vergast, erschossen oder fiel den Be- dingungen in östlichen Lagern zum Opfer.
Aly kann einiges aus Vermögens- erklärungen entnehmen oder aus Entschädigungsunterlagen. Deutlich wird damit einmal mehr, wie sehr der Holocaust für die Deutschen auch ein


