Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 33
großes Geschäft war. Doch das ist nicht alles, denn mit Hilfe kleiner Finträge lassen sich Lebensumstände rekonstruieren, die den Autor immer wieder ein kleines Stück weiter brin- gen- wenngleich er es manchmal mit seinen Interpretationen übertreibt. Aus dem fehlerhaften Fintrag eines Beamten etwa, der zunächst„Sohn“ auf die Vermõgenserklärung von Ma- rion Samuel geschrieben und es dann durch„Tochter“ ersetzt hatte, schließt der Historiker:„Marion Samuel mochte also einen knabenhaften Fin- druck erweckt haben.“ Weder die we- nigen Fotos, die Aly ermittelt hat, le- gen das nahe, noch auch die Situation in einem Berliner Durchgangslager vor der Deportation.
Die nächsten noch lebenden Ver- wandten, mit denen Aly in Kontakt treten konnte, waren ein Cousin und eine Cousine von Marion Samuel: Es war wenig, was sie noch von der Fami- lie erzählen konnten, sie waren zu jung und die Zeiten zu schlimm, um sich noch konkret an das eine oder an- dere in Zusammenhang mit Marion erinnern zu können. Auch untereinan- der hatten sie jahrzehntelang keinen Kontakt. Es gehört Zu den anrührend- sten Szenen des Buches, wenn Aly im Vorwort Schildert, wie die beiden- der eine in Amerika lebend, die andere in Deutschland- erstmals wieder am Te- lefon miteinander sprachen, angeregt durch den deutschen Historiker, und beide in unterschiedlichen Sprachen.
Aly nimmt die wenigen Puzzle- stücke auf, macht sie zum Ausgangs- punkt neuer Fragen und Suchstrategi- en und setzt Ssein Mosaik, das bis zum Schluss ein grobes Fragment bleiben muss, zusammen. Wo er nicht auf Er- zählungen oder Dokumente zurück-
greifen kann, die sich direkt mit Mari- on und ihrer Familie beschäftigen, bindet er Brinnerungen von Zeitzeu- gen ein, die zur gleichen Zeit am glei- chen Ort oder mindestens in der Nähe waren: Das Bild rundet sich, ohne vor- zugeben, es sei vollständig. Immer wieder thematisiert der Bericht selbst, wo seine Grenzen liegen. In mehrfa- cher Hinsicht im Zentrum steht dabei ein Albtraum Marions, den sie einmal einer Mitschülerin weinend erzählte und der gleichsam das Verschwinden der Menschen und ihrer Geschichten thematisiert:„Da gehen Menschen durch einen Tunnel im Berg u. da ist auf dem Weg ein großes Loch und alle werden reinfallen und sind weg.“
Das Buch ist als Ganzes- auch mit den vielen reproduzierten Dokumen- ten- beeindruckend; wollte man kriti- sieren, könnte man das allenfalls bei der Sprache tun: Man wird den Fin- druck nicht los, dass Aly seiner eige- nen Form- der Reportage- nicht recht über den Weg traut. Er bemüht sich zu oft um einen sachlichen, une- motionalen Ton. Das aber macht die Reportage aus: Sie darf den Reporter auch als Subjekt thematisieren. Angst vor historischer Ungenauigkeit oder dem allzu akademischen Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit braucht ein s0 Solider Historiker wie Aly wahrlich nicht zu haben.
Göt? Aly: Im Tunnel. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931-1943. Frankfurt: Fischer 2004. ISBN 3-5096 16364-1, 7,00 Furo.
Dr. Sascha Feuchert ist stellvertre- tender Leiter der Arbeitsstelle Holo- caustliteratur an der Justus-Liebig- Universität Gießen


