12 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Schuldigten in Untersuchungshaft wa- ren und die anderen in den Verhand- lungspausen frei herumliefen.
Die Befragungen und Konfronta- tionen mit den Angeklagten wurde vie- len Zeugen zur Qual. Brumlik skizziert dies wie folgt:„Das befreiende Gefühl, Zeugnis ablegen zu können, wurde nicht nur durch die erniedrigenden und demütigenden Verhöre der Verteidiger beeinträchtigt, sondern erzwang zu— gleich quälende Frinnerung. Wenn die- Ser Prozess Helden kannte, dann waren es neben dem unermüdlichen Fritz Bauer, neben Staatsanwälten, Neben- klagevertretern und Richtern vor al- lem die Auschwit?-Uberlebenden, die mit ihrer Kraft der westdeutschen Ge- Ssellschaft die Chance boten, sich nicht nur äußerlich zu einem der Würde des Menschen verpflichtenden Gemeinwe- sen Zu wandeln.“
Die KZ-Uberlebenden „gingen an die Arbeit“
Welche Bedeutung die Aussagen für viele der ehemaligen Häftlinge hat- te und damit auch für uns Nachgebore- ne der Tätergeneration, das beschreibt IImtrud Wojak in ihrem Beitrag im Ka- talog mit einem ausführlichen Hinweis auf Hermann Langbein, den damali- gen Genralsekretär des Internationa- len Auschwit?-Komitees. In seinem nach dem Prozess verfassten Buch „Menschen in Auschwitz“ erklärte Langbein, er habe sich bei seiner Ar- beit von dem Grundsatz leiten lassen, den Andrzej Wirth in einem Nachwort zu den Erzählungen des KZUberle- benden Tadeus? Borowski(„Bei uns in Auschwitz“*) formuliert hat: Die Wahr-
heit über den Massenmord im?wanzig- sten Jahrhun- dert verlangt genauso den Verzicht auf die Dämoni- sierung der Mörder wie auf die Apo- theose der Opfer. Die Anklage gilt der unmenschlichen Situation, die das fa- schistische System bewirkt.“ Nur das Wort'faschistisch' wollte Langbein durch'nationalsozialistisch' ersetzen: denn es gab und gibt verschiedene faschistische Systeme, jedoch nur ein Auschwitz.
Hermann Langbein und viele ande- re Auschwitz-Zeugen haben nach dem ProZess begonnen, über ihre Erfahrun- gen zu schreiben, viele von ihnen ha- ben sich in Schulen und Jugendzentren immer wieder der Diskussion mit jun- gen Leuten gestellt. Für manche von ihnen hat erst der Auschwitz-Prozess diesen Schritt ermöglicht. So schrieb Langbein:„Unmittelbar nach seiner Verhaftung wurde mir im Herbst 1960 der SS-Sanitäter Josef Klehr gegen- übergestellt, dessen Untaten ich genau kannte. Damals sind schmerzhaft alle Frinnerungen wachgeworden. Als der große Frankfurter Auschwit?-Prozess zu Ende war,(..) sah ich in Klehr nicht mehr den Allmächtigen, den Schre- cken des Krankenbaus, Ssondern einen gealterten, überaus primitiven Verbre- cher, der sich ungeschickt verteidigte. Als mir dieser Wandel bewusst wurde, traute ich mich an die Arbeit.“
Hans Hirschmann
Hermann Langbein.


