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(2004) 1/2004. Juli 2004
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10 Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer

jeweiligen staatlichen Amtsträgern die- ses Recht auf Widerstand zukomme, dem einzelne Staatsbürger nicht vor- greifen dürften.Vor allem aber war nach Weinkauffs Meinung zum Wider- stand nur berechtigt, wer sich ein kla- res und sicheres Urteil zutrauen durfte, also die sogenannte Elite, Ss0 Brumliks Darlegung von WeinkauffsTheorie.

Der Name Auschwitz wurde zur Chiffre des deutschen Unrechtsstaates

Durch den Prozess in Frankfurt wurde der Name Auschwitz zur Chiffre für den deutschen Unrechtsstaat, des- sen Bevölkerung mit großer Mehrheit den zur Staatsdoktrin erhobenen Völ- kermord klaglos akzeptierte und eben- S0 eifrig wie skrupellos willfährig exe- kutierte. So war der Prozess zwar ein Anfang einer auch die breite Offent- lichkeit erfassenden Aufarbeitung, aber es dauerte noch einmal 15 Jahre bis die Debatte mit der Ausstrahlung des amerikanischen Fernsehfilms Holocaust auch breiteste Schichten der deutschen Bevölkerung ergriff. Dies Zeige, argumentiert Brumlik,wie mühevoll und langsam sich Lern- proZesse in einer von Schuldabwehr bestimmten Gesellschaft vollziehen.*

Mit den 22 Angeklagten standen von 1963 bis 1965 nicht etwa Schreib- tischtäter vor Gericht, Sondern ehema- lige Mitglieder des SS-Personals von Auschwitz. Die ranghöchsten Offiziere

waren die Adjutanten Robert Mulka und Karl Hõcker. Angeklagt waren zu- dem Mitglieder der Lager-Gestapo, Aufseher, Sanitäter, K Z-Arzte, der La- ger-Apotheker, der Kleiderkammer- Verwalter und als einziger vormaliger Funktionshäftling ein brutaler Kapo.

Neben der Suche nach individuel- ler Schuld stand in dem Prozess die Frage zur Debatte, welche gesell- schaftlichen Gründe vorlagen, dass aus bishernormalen Menschen wil- lige und gewissenhafte Vollstrecker wurden, die Hunderttausende von Menschen zu Tode brachten, s0 als sei dies eine gan?z normale Angelegen- heit. Die Prozessbeobachterin und Philosophin Hannah Arendt bezeich- nete Auschwitz und das Dritte Reich als einen Versuch,den Begriff des Menschen auszurotten.

Vor Gericht Zeigten die Angeklag- ten kein Unrechtsbewusstsein, sahen sichlediglich als Gehilfen, als Be- fehlsempfänger, dienicht anders konnten, als in die Irre geführte schuldlose Menschen, die mitunter die Zeugen, ihre früheren Opfer aus- lachten. Verurteilt wurden schlieBlich siebzehn Angeklagte wegen insge- samt 15200 Morden. Nur sechs von ihnen wurden als Täter im unmittel- baren Sinn bezeichnet. Diese sechs nannte manExzesstäter, weil ihnen nachgewiesen werden konnte, daß sie besondere Grausamkeit bei der Er- mordung der Lagerinsassen hatten walten lassen.

*Welche Prioritãten heute bestehen ist ersichtlich an dem Grund, warum die Ausstellung des Frit?-Bauer-Instituts nicht am exakten 40. Jahrestag des ProZessbeginns im Dezem- ber 2003 eröffnet werden konnte: Zu diesem Zeitpunkt hatten noch verschiedene Kar- nevalvereine im Bürgerhaus Gallus getagt, mit denen sich niemand anlegen wollte, wie Ausstellungsleiterin Irmtrud Wojak in einem ZDFInterview erklärte.