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(2004) 1/2004. Juli 2004
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 9

worden, höchstenfalls über Finzelas- pekte der Verbrechen in Auschwitz zu verhandeln. Mit dem Prozesserhiel- ten die ganz normalen Männer', die in der Todesfabrik Auschwitz töteten, ein Gesicht, eine bürgerliche Fxi- sten?z, eine Adresse. Aus ungreifbar gewordenen Figuren des Grauens wurden Personen, die sich zu verant- worten hatten, bringt es Jeismann auf den Punkt.

Der Prozess und die bundesdeutsche Gesellschaft

Zu der kleinen Gruppe, die sich damals um die Betreuung der Zeugen kümmerte, gehörte auch Peter Kalb, der heute bei der Geschichtswerkstatt Bensheim arbeitet. In einer Reporta- ge des Hessischen Rundfunks anläss- lich der Ausstellung beschrieb er, wel- che Bedeutung der Prozess für ihn hatte:Mir ist klar geworden, was mit dem Wort Zivilisationsbruch gemeint ist. Mir ist klar geworden in dem Pro- Zess, das waren nicht sozusagen nor- male Verbrechen, sondern es war ein ganzer Staat, mein Staat, in dem ich aufgewachsen bin, in dem ich die Sprache erlernt habe, der von Staats wegen die industrielle Ermordung der Juden nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt hat. Und das finde ich das Prãgendste und Finschneidendste, wenn man sich das klar macht.

Mit dieser Ansicht gehörte Peter Kalb jedoch zu einer eindeutigen Minderheit. Die Mehrheitsmeinung

spiegelte sich vielmehr exemplarisch darin wieder, dass die deutschen Poli- zisten während der Sitzungspausen vor den angeklagten früheren S8S Chargen salutierten, ihnen alsoin al- ler Unbefangenheit, wie FBI-Direk- tor Micha Brumlik schrieb,den mi- litärischen Gruß entboten.

Mit dem vom hessischen General- Staatsanwalt Frit? Bauer gegen viele Widerstände durchgesetzten Prozess begann dann aber dochdie eigentli- che Phase öffentlicher Aufarbeitung der Vergangenheit'. Zurzeit des Pro- zesses selbst, war den meisten Deut- schen der Gedanke fremd,dass mas- senhafter Mord als ein Verbrechen und nicht nur als Nebenfolge des grausa- men Krieges an der Ostfront zu be trachten sei.(Brumlik im Geleitwort des exellenten Ausstellungskatalo- ges.*) Selbst die Legitimität des Wider- Stands vom 20. Juli 1944 wurde in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundes- republik in Zweifel gezogen- und zwar auch von hohen Repräsentanten des Adenauerstaates, wie Brumlik am Bei- Spiel von Hermann Weinkauff, des von 1950 bis 1960 amtierenden Präsidenten des Bundesgerichtshofes, verdeutlicht. Dieser hohe Richter mit eindeutiger Vergangenheit- er war bereits 1933 in die NSDAP eingetreten, wurde spãter mit derenHeuedienst-Ehrenzeichen belobigt und war von 1937 bis 1945 am Reichsgericht tätig- schloss Zwar ein allgemeines Widerstandsrecht nicht völlig aus, behauptete jedoch einVor- rangprinzip insofern, als zunächst den

*Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main. Herausgegeben von Irmtrud Wojak im Auftrag des Frit? Bauer Instituts. Snoeck, Köln 2004, ISBN 3-93685908-6. Euro 49,80. Der mehr als 800 Seiten starke Band sei selbst als ein Monument für die Uberlebenden von Auschwitz und die ermittelnden Staatsanwälte anzusehen, lobt Jeismann in der FAA.