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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer e. V.
Ein erster Versuch,
aus„Fulda“ zu lernen
Diskussion über den Auftritt der Neonazis
FULDA. Soziale Unruhen, eine wach- sende Wohnungsnot:„Was passiert“, fragt der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, auf dem Podium im überfüllten Fuldaer Schloßtheater,„was passiert, wenn wir noch mehr Arbeitslosigkeit bekommen?“ 1993 sei zwar nicht 1933, davon sei man weit entfernt. Doch die„Art des Auftritts“ der Neonazis in den Nachmittagsstunden des 14. August in der katholischen Stadt sei„erschreckend“
Zehn Tage, nach dem sich fünfhundert Rechtsradikale für drei Stunden die Herrschaft in Fulda„erputscht“ hatten (So ein Gewerkschafter), beginnt die gei- stige Aufarbeitung eines Schocks, der vielen Menschen„schlaflose Nächte“ be- reitet habe. Der Landtagsabgeordnete der Grünen Fritz Hertle, der zu dem von ihm arrangierten„Fuldaer Gespräch“, einer ständigen Einrichtung, neben Bubis auch den Ministerpräsidenten Hans Eichel, den Chef der hessischen Polizeigewerk- schaft(GdP) Hansgeorg Koppmann so- wie den Oberbürgermeister Wolfgang Hamberger gebeten hatte, klagt eine„A- lianz der Demokraten“ ein. Nur dann, so der Fuldaer Politiker, könnten die Fehler von 1933 vermieden werden.„Nichts hin- biegen, nichts vertuschen, sonst lernen wir nichts draus“, sagt der Grüne.
Es sind die politischen Gründe für das Geschehen auf dem Domplatz, das gesell- schaftliche Klima, in dem Neonazis mit wachsender Bereitschaft ihre„Gesinnung offensiv nach außen tragen“(Bubis), die an diesem Abend im Vordergrund stehen — erst an zweiter Stelle rangieren die po- lizeitaktischen Fehler, die den unbehel- ligten Auftritt zur„Katastrophe“(Hertle) werden ließen.
Doch eine Antwort fällt den Politikern nicht leicht.„Wir müssen gegen das Gift in den Köpfen“ dieser Menschen an- kämpfen, sagt Eichel. Ein Gift, das„ge- fährlich“ werden könne, wenn es„genug
Sprengstoff“ gebe. Der Ministerpräsident„ sieht diesen Sprengstoff in der stetig wachsenden Massenarbeitslosigkeit, einem„Nährboden“ für die Gewalt von rechts.
Die Arbeitslosigkeit, korrigiert Bubis den Sozialdemokraten, habe zwar noch nicht die Dimension von 1933 erreicht, doch auch er verlangt, daß die„Demokra- ten zusammenstehen“, um eine Entwick- lung zu stoppen und umzukehren, die seit zwei Jahren ihren Lauf nehme. Die von Rechtsradikalen verursachten Vorgänge, die jetzt immer stärker sichtbar würden, seien doch in den letzten Jahren von der Politik nicht ernst genommen worden. Sie habe keine Antwort gefunden auf die Gewalttaten.„ᷓNMan war glücklich“, wenn man für einen Attentäter die Beschrei- bung finden konnte, daß er betrunken war und aus einer niederen sozialen Schicht stammte, überspitzte Bubis. In Wahrheit sei man aber längst mit„durch- dachten“ Strategien konfrontiert, wie sich nun in Fulda gezeigt habe. Von Zufallser- scheinungen könne keine Rede mehr sein.
Mit Verboten von Parteien allein, wie sie Hessen über den Bundesrat jetzt wie- der für die rechtsradikale Freiheitliche
Arbeiterpartei(FAP), dem maßgeblichen Drahtzieher der Fuldaer Ereignisse, an- gestrebt werde, sei jedoch nicht genug zu bewerkstelligen, meint der Zentralrats- Vorsitzende. Schon deshalb nicht, weil es mehr als 380 Gruppierungen auf dem rechten Rand gebe, gegen die man eben- falls deutlich vorgehen müsse.
Doch das, so Hertle, was sich„immer frecher“ als„böses Zwillingspärchen“ von Auslãnderfeindlichkeit und Antisemitis- mus artikuliere, lasse sich heute nicht mehr bloß mit Argumenten bekämpfen. „Der Staat muß repressiver gegen rechts vorgehen“, fordert der Grüne. Was im Un- tergrund gäre, sei„bagatellisiert“ worden, die Zeit einer„falsch verstandenen Lais


